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Archivschätze

Manuskript
Die autobiographischen Aufzeichnungen des Elias Hirsch Präger (1796-1799)

2013 konnte das MARCHIVUM die autobiographischen Aufzeichnungen von Elias Hirsch Präger erwerben, die laut eingeklebten Exlibris zum Nachlass des bedeutenden Mannheimer Rechtsanwalts Dr. Max Hachenburg (1860-1951) gehört haben.

Er war ein Enkel von Elias Hirsch Präger. Max Hachenburg musste in der NS-Zeit nach den USA emigrieren – wie das Manuskript aus seinem Nachlass in den Handel gekommen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Seit 1973 verfügt das MARCHIVUM bereits über einen Teilnachlass von Max Hachenburg, dem wir diese äußerlich unscheinbare, aber inhaltlich äußerst interessante Rarität gerne hinzugefügt haben.

Exlibris Max Hachenburg

Elias Hirsch Präger hat seine autobiographischen Aufzeichnungen, die einen sehr tiefen Einblick in das jüdische Alltagsleben des letzten Drittels des 18. Jahrhunderts geben, zwischen 1796 und 1799 in Frankfurt am Main und Straßburg geschrieben – in deutscher Sprache, aber in Hebräischer Schrift. Das vorliegende Manuskript ist die Abschrift des Originals in deutscher Schrift, die sein ältester, 1812 geborener Sohn Liebel in den 1860er Jahren vorgenommen hat. Ihm war es ein Anliegen, der nächsten Generation der Familie Präger die Erlebnisse verständlich zu machen, "damit sie ein geistiges Bild ihres Großvaters haben", der bereits seit 1847 nicht mehr lebte.

Einleitung von Liebel Präger

Geboren wurde Elias Hirsch Präger 1767 in Jungholz im südlichen Elsass. Sein Vater, der ein bedeutender jüdischer Talmudgelehrter war, war Lehrer an der dortigen Klaus, so werden jüdische Lehrhäuser genannt. Später übernahm er die Klaus in Sierentz, wo Elias Hirsch den Großteil seiner Kindheit verbrachte. Als der älteste Sohn der Familie wurde Elias Hirsch ausersehen, wie sein Vater Talmudgelehrter zu werden. Zu diesem Zweck besuchte er zunächst verschiedene Lehrhäuser im südlichen Elsass. Als 19-jähriger fasste er den Entschluss, in Frankfurt am Main weiter studieren zu wollen, und begab sich deshalb am 16. März 1786 zu Fuß auf die Reise nach Norden, die dann allerdings am 5. April 1786 in Mannheim endete.

Hier gab es damals eine sehr große Judengemeinde mit ca. 1.000 Mitgliedern. Elias Hirsch blieb rund 8 ½ Jahre bis Ende September 1794 in der Stadt. Während er seiner 3-wöchige Reise 42 Seiten seines Berichtes widmet, erhalten die mehr als 8 Jahre in Mannheim mit 44 Seiten nicht sehr viel mehr Gewicht in seiner Darstellung. Aber dennoch gibt er interessante Einblicke.

Besonders spannend ist seine Begegnung mit dem wohlhabenden Kaufmann Abraham Nauen, in dessen Haus in G 3, 13 Präger von 1787 bis 1794 als Hauslehrer lebte.

 

Plan von 1799 mit Haus von Nauen und Synagoge (markiert)

In dem Standardwerk über alte Mannheimer Familie, das Florian Waldeck in den 1920er Jahren herausgegeben hat, wird behauptet, Abraham Nauen sei 1744 von Berlin nach Mannheim gekommen, weil er sich von seiner ersten Frau wegen Kinderlosigkeit habe scheiden lassen. Die Aussage an sich ist richtig, nur das Datum stimmt nicht. Wie anhand der Ratsprotokolle eindeutig belegt werden kann, kam Abraham Nauen erst 1780 von Berlin nach Mannheim.

Elias Hirsch Präger berichtet, Nauen sei in seiner Jugend ein Mitschüler des berühmten Moses Mendelssohn gewesen. Das könnte in den 1740er Jahren in Berlin der Fall gewesen sein, wo Mendelssohn ab 1743 eine Talmudschule besuchte. Auch die Tatsache, dass Nauen 15 Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Berlin gewesen ist und bereits seit zehn Jahren mit einer Frau namens Mierell verheiratet war, als er sich von dieser scheiden ließ, spricht dafür, dass er wohl ein Altersgenosse von Moses Mendelssohn gewesen ist, also um die 50 Jahre alt war, als er nach Mannheim kam. Hier heiratete er die damals 18-jährige Lea Gundersheim, die ihm zwischen 1783 und 1794 fünf Söhne und eine Tochter gebar – die Nachkommen betrieben im 19. Jahrhundert wichtige Handelsfirmen in Mannheim.

Bericht über die erste Begegnung mit Nauen

Abraham Nauen freundete sich mit Elias Hirsch an, studierte viel mit ihm und brachte ihm anhand der 1783 von Moses Mendelssohn angefertigte deutsche Übersetzung der fünf Bücher Mose erstmals das Hochdeutsche bei. Bis dahin konnte Präger nur Jiddisch und Hebräisch.

Als Elias Hirsch 1794 vom Tod seines Vaters erfuhr, fasste er den Entschluss, nach Hause zu reisen, und nahm Abschied von der Familie Nauen. Danach kehrte er nie wieder dauerhaft nach Mannheim zurück. Nach dem ersten in Lörrach gescheiterten Versuch, nach Sierentz zu gelangen, hielt er sich 1795 zunächst kurzeitig in Darmstadt auf. Dann zog er nach Frankfurt weiter, wo er 1796 eine Besetzung der Stadt durch französische Revolutionstruppen miterlebte. Er versuchte ein weiteres Mal, zurück ins Elsass zu gehen, und kam diesmal bis nach Straßburg. An dieser Stelle bricht das Manuskript ab.

Nachweislich taucht Elias Hirsch Präger erst 1811 wieder in schriftlichen Quellen auf – dann als verheirateter Mann und als Lehrer in Altdorf bei Ettenheim in Südbaden. 1819 wurde er Rabbinatsverweser in Bühl und 1822 – im Alter von 55 Jahren – schließlich Rabbiner in Bruchsal, was er bis zu seinem Tod im Jahre 1847 blieb.
Zwei seiner Kinder zog es aber wieder nach Mannheim – neben seiner Tochter Johanna, der Mutter von Max Hachenburg, lebte auch sein zweiter, 1816 geborener Sohn Moses hier und war von 1854 bis zu seinem Tod im Jahr 1861 Rabbiner an der Mannheimer Hauptsynagoge.

Johanna Hachenburg geb. Präger, Mutter von Max Hachenburg

 

Grab von Moses Präger auf dem jüdischen Friedhof, Foto von Hans Roden, 1948

 

 

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