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Forschung

schwarz-weiß Karte des KZ-Komplex Natzweiler
Schlussstriche und lokale Erinnerungskulturen - Die "zweite Geschichte" der südwestdeutschen Außenlager des KZ Natzweiler seit 1945 - Teil II

Zwischen 1943 und 1945 existierten auf dem Gebiet der heutigen Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz mehr als 40 Konzentrationslager, die dem KZ Natzweiler (Elsass) als Außenlager zugeordnet waren. Darunter auch das KZ Sandhofen, an das seit 1990 eine Gedenkstätte mit Dauerausstellung erinnert. Wie in Mannheim war die "Nachgeschichte" der meisten Außenlager gekennzeichnet von jahrzehntelangem Beschweigen und Verdrängen, ehe in den 1980er Jahren vielerorts Initiativen zur dauerhaften Erinnerung und Dokumentation der lokalen NS-Geschichte entstanden.

"Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft"

Von deutscher Seite wurden Gedenktafeln und -steine in der Regel erst auf Anweisung der Besatzungsmächte bzw. auf Drängen von Überlebenden und Angehörigen errichtet. Dabei beschränkte man sich – ungeachtet der hohen Zahl jüdischer Opfer – durchweg auf christliche Symboliken und Grabgestaltungen. Die Inschriften der Erinnerungszeichen blieben lange Zeit nebulös, waren oft nivellierend und verharmlosend und verschwiegen mehr als sie aussagten. Die einstige Existenz eines Konzentrationslagers wurde meist nicht erwähnt, die Opfer blieben anonym und auf NS-Verbrechen wurde, wenn überhaupt, nur indirekt hingewiesen.

In Echterdingen etwa brachte die Stadtverwaltung 1945 auf einem Massengrab des Konzentrationslagers ein Holzkreuz an mit der absurden Inschrift "Hier ruhen in Gottes Erde in Kriegsgefangenschaft am Flughafen gestorbene Israeliten"; die Stadt Bad Friedrichshall gedachte der auf dem KZ-Friedhof Kochendorf beigesetzten KZ-Opfer mit der Inschrift "Zu Ehren von 390 Toten des 2. Weltkriegs"; in Reutlingen entschied sich die Verwaltung 1952 nach einer fruchtlosen Diskussion im Gemeinderat dazu, den 128 dort bestatteten Opfern der Konzentrationslager Hailfingen, Bisingen, Dautmergen und Schömberg ein Mahnmal zu widmen, dessen Inschrift schlicht lautete: "Den Opfern der Gewalt".

Weitere beliebte Formulierungen der 1950er und frühen 1960er Jahre waren "Den Opfern ruchloser Gewalt" (z.B. Schömberg) oder "Den Opfern in dunkler Zeit". In Leonberg (1962), Haslach (1962) und Offenburg (1964) übernahmen die Behörden die Textvorschläge des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Gedenken an "[xxx] Söhne vieler Völker Europas" bzw. "[xx] Angehörige von [xx] Nationen", als "Opfer der Gewaltherrschaft in dunkler Zeit". In Mannheim erinnerte bis 1979 übrigens nichts an die einstige Existenz des KZ Sandhofen.

Als die Holzkreuze auf den südwestdeutschen KZ-Friedhöfen in den 1950er Jahren im Verfallen begriffen waren und erneuert werden mussten, nahmen die Kommunen und Landratsämter dies bisweilen gerne zum Anlass, einen Kahlschlag vorzunehmen und die Friedhöfe so umzugestalten, dass sie weniger Kosten verursachen und den Pflegeaufwand verringern.

"Gedenkstättenbewegung"

Obgleich sich der Stuttgarter Pfarrer Fritz Majer-Leonhard als Leiter der "Hilfsstelle für Rasseverfolgte bei der Evangelischen Gesellschaft" schon in den 1960er Jahren mit großem Engagement für das Gedenken an die KZ-Opfer in Südwestdeutschland engagierte und aussagekräftige Erinnerungsmale einforderte, erfolgte eine erinnerungskulturelle Wende erst in den 1980er Jahren mit dem Aufkommen der sogenannten Gedenkstättenbewegung.

Bundesweit entstanden vielerorts lokale zivilgesellschaftliche Initiativen zumeist jüngerer Menschen, die sich im wahrsten wie auch im übertragenen Sinne auf Spurensuche begaben, in Archiven forschten, nach Überlebenden suchten und sich dafür einsetzten, an "authentischen Orten" an die Konzentrationslager bzw. deren Opfer zu erinnern. Mehr noch, sollten die einstigen Tatorte als solche kenntlich gemacht und die lokale NS-Geschichte im öffentlichen Raum sichtbar gemacht werden. Statt schlichter Gedenktafeln wurden nun Informationstafeln aufgestellt, auf denen die Geschichte des KZ-Außenlagers skizziert wurde. Die Erinnerung an die Konzentrationslager blieb räumlich nicht mehr auf Friedhöfe und Grabstätten beschränkt, sondern sollte an die sogenannten authentischen Orte getragen werden. Es ging letztlich um mehr als nur symbolisches Gedenken; es ging um wirkliches Erinnern, um Aufarbeitung und Dokumentation der lokalen NS-Geschichte, um Begegnung mit den Überlebenden, aber auch um Mahnung und Anregung zur kritischen Selbstreflexion.

Vor Ort stießen diese Initiativen zumeist auf große Ablehnung seitens der Lokalbevölkerung, die ihren Ort nicht mit dem Stigma eines KZ-Standorts behaftet sehen wollte. "Nestbeschmutzer"-Vorwürfe, Erinnerungsabwehr, Verharmlosungen, Leugnung und Umdeutungen der KZ-Geschichte, zum Teil jahrelange geschichts- und erinnerungspolitische Konflikte begleiteten den Weg der Gedenkstättenaktivisten in den allermeisten Fällen. In keinem Jahrzehnt wurde so intensiv um und über die NS-Geschichte gestritten wie in den 1980er Jahren. Die Nachgeschichte der Natzweiler-Außenlager bildetet hier keine Ausnahme. Kaum eine Gedenktafel oder Gedenkstätte der 1980er und frühen 1990er Jahre ist ohne Widerstände und Konflikte entstanden.

Der Mannheimer Stadtrat Heinrich Kirsch sorgte mit seiner Rede bei der Einweihung einer Gedenktafel im KZ Sandhofen für einen Eklat.

Als erste Gedenkstätte zur Erinnerung an ein Natzweiler-Außenlager wurde im April 1989 der "Gedenkpfad Eckerwald" bei Schömberg-Schörzingen (Zollernalbkreis) eingeweiht. Im Jahr darauf, 1990, wurde die KZ-Gedenkstätte in Mannheim-Sandhofen eröffnet, die Gedenkstätten Bisingen, Haslach im Kinzigtal, Kochendorf und Neckarelz folgten in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre.

Freiluft-Dokumentation auf dem Gedenkpfad Eckerwald

In den 2000er Jahren entstanden die Gedenkstätten Hessental, Vaihingen/Enz und Leonberg sowie in den 2010er Jahren die Gedenkstätten Hailfingen-Tailfingen und Echterdingen. Die jüngste Gedenkstätte ist die KZ-Gedenkstätte Mörfelden-Walldorf, welche im September 2016 eingeweiht wurde. Hinzu kommen die 2007 errichtete Freiluft-Gedenkstätte beim KZ-Friedhof Schömberg sowie der 2014 angelegte "Wüste-Pfad" in Dormettingen, außerdem mehrere Dutzend Erinnerungs- und Informationstafeln, Mahnmale, Geschichtslehrpfade und sogenannte Wege der Erinnerung, die in zahlreichen Städten und Gemeinden Südwestdeutschlands an die KZ-Außenlager, den Zwangsarbeitseinsatz der Häftlinge und die Todesmärsche erinnern. In Frankfurt am Main und in Spaichingen entstanden darüber hinaus erst in jüngster Zeit neue Initiativen, die sich für die Einrichtung von Gedenk- und Dokumentationsstätten engagieren.

Das Margit-Horváth-Zentrum in Mörfelden-Walldorf

"Natzweiler-Gedenkstätten" heute

In den vergangenen knapp 30 Jahren hat sich so – nach Jahrzehnten des Beschweigens und Verdrängens – eine Gedenkstättenlandschaft entwickelt, die die Erinnerungskultur in Südwestdeutschland, insbesondere in Baden-Württemberg, in hohem Maße prägte bzw. noch immer prägt. Die Gedenkstättenvereine schauen heute auch über den Tellerrand des eigenen Ortes hinaus und streben Vernetzungen und Kooperationen an.

Als sich 1995 in Vaihingen/Enz die "Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg" (LAG, heute LAGG) gründete, waren viele der heutigen Gedenkstättenvereine bereits an dieser Gründung und dem Aufbau einer landesweiten Vernetzung beteiligt. Die Gründung des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb im Jahr 2010 sowie anderer regionaler oder thematischer Zusammenschlüsse in den vergangenen zehn Jahren waren weitere Schritte hin zu einer vernetzten Gedenkstättenlandschaft; im November 2016 gründete sich schließlich der "Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler e.V." (VGKN), der eng mit den französischen Kolleginnen und Kollegen des "Centre Européen du Résistant Déporté" (CERD, Gedenkstätte Natzweiler) und anderen internationalen Partnern zusammenarbeitet.
 

Literatur:
Marco Brenneisen: Schlussstriche und lokale Erinnerungskulturen. Die „zweite Geschichte“ der südwestdeutschen Außenlager des KZ Natzweiler seit 1945, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2020 (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Bd. 52).

Veranstaltungshinweis:
Buchpräsentation und Gespräch "Schlussstriche und lokale Erinnerungskulturen" am Mittwoch, 9. September 2020 um 18 Uhr im MARCHIVUM. Bitte um Voranmeldung.

 

 

 

 

 

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Schlussstriche und lokale Erinnerungskulturen - Die "zweite Geschichte" der südwestdeutschen Außenlager des KZ Natzweiler seit 1945 - Teil I

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