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Forschung

Ausschnitt aus dem Mannheimer Stadtplan von Jacob van Deyl, 1663
Momentaufnahme van Deyl'scher Plan

Eines der bekanntesten Mannheimer Dokumente aus dem 17. Jahrhundert ist ein Stadtplan, den Jacob van Deyl erstellt hat. Darin werden alle, die am 4. April 1663 ein Grundstück in der Stadt Mannheim besessen haben, namentlich aufgeführt. Diese Quelle wurde schon vielfach ausgewertet und ist natürlich ein wertvolles und sprechendes Dokument. Aber sie ist nur eine Momentaufnahme, wie schnell zu erkennen ist, wenn andere Quellen hinzugezogen werden. Das wurde bisher für Einzelaspekte, aber noch nicht systematisch gemacht, da der notwendige Arbeitsaufwand dafür immens ist und sich erst mit modernen Mitteln der Datenverarbeitung besser in den Griff bekommen lässt.

In den vergangenen 20 Jahren ist in diesem Bereich im MARCHIVUM viel passiert. So haben Ehrenamtliche zwischen 2001 und 2013 die Mannheimer Ratsprotokolle des 17. Jahrhunderts in Form einer Datenbank ausgewertet und erschlossen, in der neben der inhaltlichen Erfassung des Eintrags auch die genannten Personen in einem Personenregister erfasst wurden. Aus dem Jahr 1684 ist ein Grundrissbuch erhalten, das Philipp Jakob Ulmann erstellt hat. In diesem sind in jedem Quadrat die Grundstücke erstmals nummeriert und es werden auch dort die Besitzer angegeben. Dieses liegt inzwischen digitalisiert vor. Außerdem gab es bis zum Zweiten Weltkrieg auch noch ein Grundzinsbuch, in dem alle Hausbesitzer aufgelistet waren, das leider zu den Kriegsverlusten zählt. Dieses Grundzinsbuch wurde aber in den 1930er Jahren von Wolfgang Treutlein für eine Namenskartei aller in Mannheim nachzuweisender Einwohner ausgewertet. Diese Kartei wurde vor einigen Jahren digital erfasst. All diese Vorarbeiten konnten nun erstmals systematisch ausgewertet werden.

Grundrissbuch von Philipp Jakob Ulmann, 1684

Dazu wurden dann noch weitere Quellen hinzugezogen: das Protokollbuch der französisch-reformierten Gemeinde von 1652 bis 1689, das seit 2013 in deutscher Übersetzung gedruckt vorliegt. Diesem Protokollbuch beigegeben ist eine CD-Rom, auf der sich die Digitalisate der französisch-reformierten Kirchenbücher aus Mannheim befinden, die heute im Landeskirchlichen Archiv in Magdeburg aufbewahrt werden. Und die aussagekräftige Verzeichnung der Verlassenschaftsakten des 17. Jahrhunderts, die über Findstar² einzusehen ist, auch wenn die Akten im GLA Karlsruhe aufbewahrt werden.

Aus all dieses Quellen konnte eine Datenbank erstellt werden, die bisher 5.857 verschiedene Personen (Frauen, Männer, Kinder) namentlich erfasst, die nachweislich zwischen 1650 und 1689 in Mannheim gelebt haben. Anhand der Namen und weiteren festzustellenden Details lässt sich häufig sagen, von wo sie nach Mannheim gekommen sind, oft auch, wie lange sie blieben und wohin sie sich dann gewendet haben oder ob sie in Mannheim gestorben sind. Auch Berufe, Hausbesitz und andere Details aus ihrem Leben lassen sich vor allem anhand der Ratsprotokolle herausfinden.

Das ist deshalb interessant, weil Kurfürst Karl Ludwig, der nach dem Dreißigjährigen Krieg im Oktober 1649 aus dem Exil in den Niederlanden in die Kurpfalz zurückkehrte, in Mannheim ab 1652 ein multinationales und multireligiöses Experiment startete. Denn die Stadt war entvölkert und zerstört und sollte nun wieder aufgebaut werden. Dazu brauchte der Kurfürst eine tatkräftige Bevölkerung, die bereit war, aus diesem Trümmerhaufen wieder eine Stadt zu machen.

Um diesen Personenkreis anzuziehen, werden 1652 Privilegien erlassen, die "alle ehrliche Leut und von allen Nationen" einluden nach Mannheim zu kommen. In 18 Artikeln wurden zahlreiche wirtschaftliche und soziale Vorteile aufgelistet, um einen Anreiz zu schaffen, sich in Mannheim niederzulassen. Die Stadtprivilegien von 1652 zählen zu den modernsten Stadtverfassungen im Deutschland des 17. Jahrhunderts.

Tatsächlich kamen viele Menschen nach Mannheim. Die bisherige Forschung geht davon aus, dass 1663 ca. 2.500 bis 3.000 Menschen in Mannheim lebten, 1688 ca. 6.000 bis 7.000. Das wären auf jeden Fall mehr als die nun namentlich Festgestellten. Aber man kann aus der erstellten Datenbank Tendenzen herauslesen, die bisher nicht so deutlich zu erkennen waren.

Neben den 1648 zurückgekehrten Mannheimer und Mannheimerinnen, die bereits vor 1622 hier gelebt hatten (das waren etwa 480 Personen), kamen in den 1650er Jahren vor allem Zuwanderer aus Nordfrankreich, der Wallonie, Flandern und den Niederlanden und der französischsprachigen Schweiz nach Mannheim. Bis etwa 1675 war die Stadt sehr von französischsprachigen Menschen geprägt, auch wenn die Amtssprache deutsch gewesen ist. Wegen des Holländischen Kriegs (1672-1679) ging die Einwanderung aus Nordwesteuropa zurück, so dass ab dieser Zeit die deutschsprachige Bevölkerung langsam wieder die Mehrheit in der Stadt darstellte.

Es gab aber insgesamt eine große Fluktuation in der Bevölkerung, was u.a. daran zu erkennen ist, dass von den Grundstücken auf dem van Deyl'schen Plan im Jahr 1683 nur noch 77 derselben Person oder ihren Erben gehörten wie 1663.

Plan, markiert sind die Grundstücke mit gleichen Besitzern, 1663-1683

Warum war das so? Die Stadtprivilegien versprachen jedem, der bereit war, in Mannheim ein Haus zu bauen, einen kostenlosen Bauplatz. Für jedes Grundstück war aber ein jährlicher Grundzins fällig, der vier Pfennige pro Rute betrug. Für den Hausbau erhielt man so viel kostenloses Baumaterial (Stein, Holz, Ziegel, Kalk), wie man dafür benötigte. Aber wer sich darauf eingelassen hatte, war auch verpflichtet innerhalb von zwei Jahren ein Haus zu bauen, und es wurde überprüft, ob dies tatsächlich in der verlangten Frist ausgeführt wurde. War das nicht der Fall, musste das Grundstück unter Aufsicht des städtischen Baumeisters und des Stadtrates "zu einen billichen Preis" an andere weitergeben werden, die wiederum versprechen mussten, zügig ein Haus zu bauen. Diese Hürde war für viele offensichtlich höher, als sie anfangs angenommen hatten, trotz der vielen Vergünstigungen. In den Ratsprotokollen finden sich sehr viele Beispiele dafür, dass die Grundstücke weitergegeben werden mussten, weil der Hausbau nicht fristgemäß erfolgte.

Ein anderer Grund war die Pest, der im Jahr 1666 auch sehr viele Grundstücksbesitzer zum Opfer fielen. Das lässt sich aus dem Protokollbuch der französisch-reformierten Gemeinde sehr gut nachvollziehen. Denn nicht wenige vermachten der Gemeinde ihren Grundbesitz, die diesen dann ab 1667 zugunsten der Almosenkasse weiterverkaufte.

Auch wenn im Mannheim dieser Jahre eine für das 17. Jahrhundert ungewöhnlich große religiöse Vielfalt möglich war – es lebten Reformierte, Lutheraner, Katholiken und Angehörige kleinerer christlicher Gemeinschaften sowie Juden weitgehend gleichberechtigt in der Stadt –, waren es vorwiegend wirtschaftliche und weniger religiöse Gründe, die Menschen bewogen, nach Mannheim zu kommen. Und da der Stadtrat wollte, dass es eine wohlhabende Stadt sein sollte, wurden auch allzu arme Einwohner*innen nicht aufgenommen. Das zeigt z.B. Fall der vermögenslosen Witwe Antoinette le Marc geb. Cassé, die samt ihren fünf Kindern, von denen zwei geistig eingeschränkt waren, 1662 aus der Stadt ausgewiesen wurde, weil ihr Fall Schule machen könnte "und die Statt mit dergleichen Armen und Thoren angefüllet werden dörffte", wenn die Familie in der Stadt geduldet würde.

Soweit einige Teilerkenntnisse dieser neuen Forschungen: Ausführlich dargestellt können diese in einem Aufsatzband nachgelesen werden, der im Herbst 2021 erscheinen soll, und sie können auch in der stadtgeschichtlichen Ausstellung rezipiert werden, die ebenfalls im Herbst 2021 eröffnet.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, der von der Verfasserin im April 2021 im MARCHIVUM gehalten wurde.

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