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Forschung

schwarz-weiß Fotografie der Statue "Friedensengel" von Gerhard Marcks
Der 9. November - ein "deutscher Schicksalstag"?

Am 9. November häufen sich gleich mehrere für die deutsche Geschichte schicksalhafte Ereignisse, die in einem direkten historischen Zusammenhang stehen, gleichzeitig in der Erinnerung der Deutschen konkurrieren. Woran soll erinnert werden? Hätte sich der 9. November als "Nationalfeiertag" der Deutschen geeignet? Diesen und ähnlichen Fragen geht ein neu erschienenes Buch nach. In unserem Blog fragen wir auch, welches der Ereignisse die Erinnerung der Mannheimerinnen und Mannheimer geprägt hat.

In seiner neu erschienenen Publikation berichtet Wolfgang Niess, Historiker und SWR-Journalist, von den Ereignissen am "Schicksalstag der Deutschen": An einem 9. November wurde die deutsche Republik ausgerufen (1918), versuchte Hitler sich in München an die Macht zu putschen (1923), fand die Ausgrenzung und Verfolgung deutscher Jüdinnen und Juden in reichsweiten Pogromen einen ersten grausamen Höhepunkt (1938); ein einfacher Handwerker Georg Elser unternahm am Vorabend des 9. November ohne Hintermänner ein Attentat auf Hitler, um den drohenden Krieg zu verhindern, und schließlich wurde an einem 9. November die durch den dann doch los getretenen Krieg verursachte Teilung Deutschlands überwunden (1989).

Niess schildert die jeweiligen Ereignisse, ihre Vor- und Nachgeschichte und ordnet sie in den Gesamtverlauf des 20. Jahrhunderts ein. Durch seine Erzählung und Argumentation legt er überzeugend dar, dass der 9. November kein metaphysisch zu verklärender Tag mit Ereignissen besonderer Fügung ist, sondern dass es jeweils um „konkrete und handfeste Politik“ geht, mehr noch, die Ereignisse sind sogar aufeinander bezogen (Niess, S. 10).

Der 9. November ist folglich auch ein erinnerungspolitisch bedeutender Tag. Jährlich finden Gedenkveranstaltungen an die Reichspogromnacht statt, erinnern Medien, Politik und Kultur an den "Wahnsinn" (Niess, S. 207) des Mauerfalls. Die anderen Ereignisse sind weniger präsent, werden aber auch immer wieder thematisiert. So bedeutend die Ereignisse des 9. November in der Erinnerung sind, und obwohl das Datum ein feststehendes in der Erinnerungskultur der Deutschen ist, hat diese Bedeutung nie eine offizielle Form bekommen: Initiativen, ihn zu einem Feiertag zu machen, blieben immer wieder erfolglos. Dies, so meint Niess, liegt an der Widersprüchlichkeit der Ereignisse. Sollten sich die Deutschen an einem Nationalfeiertag am Glück des Mauerfalls 1989 erfreuen? Liefen sie dann nicht Gefahr, die große Schuld des 9. November 1938 vergessen zu machen oder die historisch einmalige Dimension der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu verschleiern? Ist der 9. November 1918 in der Erinnerung lebendig genug, um die Deutschen an ihre erste Demokratie zu erinnern und sich angesichts der noch folgenden Ereignisse deren Fragilität bewusst zu werden?

Für die Nationalsozialisten war der 9. November ein Tag der Erinnerung an Hitlers Putscch 1923. Eine Revolution wie nach dem Ersten Weltkrieg dürfe sich hingegen nie wiederholen. Auszug aus einem Erinnerungsalbum für Reichsorganisationsleiter Robert Ley anlässlich einer Treuekundgebung am 14. November 1943 in Mannheim.

Einer Antwort auf diese Fragen näher zu kommen, lohnt es, sich auch auf lokaler und regionaler Ebene zu betrachten, wer woran erinnert. Die Erinnerung an die Revolution 1918 wurde in Mannheim wie anderswo in Deutschland, die DDR ausgenommen, kaum wachgehalten. Ausnahmen gelten für die linken Parteien, die immer wieder versuchten, den Beitrag der Linken zur ersten deutschen Demokratie zu würdigen, so auch die Jungsozialisten in Mannheim, die am 9. November 1947 an die Ausrufung der Republik erinnerten oder KPD, die 1948 zu einer Gedenkfeier an die Revolution einlud.

Einladung zu einer Gedenkfeier der KPD am 14. November 1948 im Mannheimer Rosengarten

Die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft brauchte lange, ehe sie sich mit der Schuld der Deutschen konfrontierte. Dies gilt auch für die Erinnerung an die Reichspogromnacht. Lange blieb dieses Ereignis eine Lücke in der Erinnerungspolitik. Abgesehen von der sehr frühen Resolution des Bremer Bürgermeisters für eine "Sühneleistung" im November 1945 gab es kaum Erinnerungsleistungen deutscher Kommunen oder anderer Verwaltungen. Frühe Gedenkveranstaltungen, in der Region beispielsweise in Heidelberg und Esslingen, fanden meist nach Initiative der örtlichen Jüdischen Gemeinden statt.

Der "Mannheimer Morgen" erinnerte am 9. November 1946 an die Ereignisse vor Ort. Dabei wird die Rolle der NS-Organisationen hervorgehoben: "SS und SA, sie sind die Herren der Straße heute." Noch wird nicht daran erinnert, dass der Pogrom zwar durch Befehle der SA angezettelt wurde, sich aber auch Mannheimerinnen und Mannheimer nur in Ausnahmefällen schützend vor ihre jüdischen Nachbarn stellten. Erst spät kam es in Mannheim wie auch bundesweit zu Versuchen, verstehend zu erinnern, wurden neben dem Entsetzen über das Geschehen sowie die Trauer um die Verfolgten und Toten auch Verantwortung und Schuld thematisiert.

Ein Jahr später erinnert die regionale Tageszeitung an den "Schicksalsmonat", stellt somit den Bezug zwischen den verschiedenen Ereignissen des 9. November her, und spannt den Bogen sogar bis zurück zu Napoleons "Staatsstreich". Über den 9. November 1938 heißt es im "Mannheimer Morgen": "Wir wagen noch gar nicht, ihn zu deuten. Seine Ungeheuerlichkeit wirkt wie Betäubungen." (sic!)

In den Nachkriegsjahren war die Erinnerung an die NS-Zeit noch undifferenziert: Der von Gerhard Marcks im Auftrag der Stadt geschaffene Friedensengel sollte an "alle Toten" der Jahre 1933 bis 1945 erinnern.

Erinnerungspolitisch rückt die Reichspogromnacht erst zum fünfzigsten Jahrestag 1988 von der "Peripherie ins Zentrum" der Erinnerungspolitik (Niess, S. 192). Erstmals erforschen in den Folgejahren auch in Mannheim lokale Initiativen das Geschehen in der Stadt und die Schicksale von Mannheimer Jüdinnen und Juden. Spät erst münden die zwar von offizieller Seite unterstützten, aber meist ehrenamtlich getragenen Erinnerungsinitiativen in öffentlich aufgestellte Denkmäler oder andere sichtbare Erinnerungszeichen.

Schon ein Jahr nach der fünfzigsten Wiederkehr der Pogromnacht ereignete sich am 9. November der Mauerfall als weltpolitisches Ereignis und prägt seitdem die erinnerungspolitische Diskussion.

Weiterführende Literatur

Wolfgang Niess, Der. 9. November. Die Deutschen und ihr Schicksalstag, München: C.H. Beck, 2021

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