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Forschung

Detailliertes Relief, das die Ankunft wallonischer Flüchtlinge in Mannheim zeigt.
Migration nach und aus Mannheim - Von der Festungsgründung 1606 bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges

Liebe Blog-Leser*innen,
am 20. Oktober 2021 konnten wir bereits den von Philipp Gassert, Ulrich Nieß und Harald Stockert herausgegebenen ersten Band der „Veröffentlichungen zur Mannheimer Migrationsgeschichte“ im Friedrich-Walter-Saal des MARCHIVUM vorstellen. Um Ihnen diese wichtige Publikation näher zu bringen, sollen nun in den folgenden Monaten die einzelnen Kapitel dieses Sammelbandes durch Zusammenfassungen vorgestellt werden. Das erste Kapitel unseres Sammelbandes zur Migrationsgeschichte Mannheims wird von Prof. Dr. Hermann Wiegand vorgelegt. Der Vorsitzende des Mannheimer Altertumsvereins nimmt dabei die Jahre „von der Festungsgründung 1606 bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges“ in Augenschein.

Um die Menschenbewegungen dieser Zeit nachvollziehen zu können, muss man sich zunächst ein Bild von den religiösen Konflikten in Europa und den damit verbundenen politischen Verflechtungen machen. So standen sich Katholiken und Protestanten in dieser Zeit unversöhnlich gegenüber. Eine traumatische Zuspitzung dieses Glaubenskonfliktes erwähnt Wiegand mit der Bartholomäusnacht 1572, als zahlreiche französische Protestant*innen ermordet wurden. Die Pfalz war schon unter Friedrich III. 1559 „als einziger größerer Territorialstaat im Heiligen Römischen Reiches“ reformiert-calvinistisch ausgerichtet. Die pro-protestantische Linie wurde schließlich auch von Mannheims Stadtgründer Friedrich IV. weitergeführt. Seine eigenen, aber auch die familiären Verbindungen der ihm nahestehenden politischen Eliten, geboten eine harte Außenpolitik gegen die katholischen Habsburger in Spanien und den Niederlanden und Solidarität vor allem mit den französischen Protestant*innen.

Neben der militärischen Unterstützung, war auch das Gewähren eines religiösen Schutzraumes, ja einer neuen Heimat Teil dieser protestantischen Politik. So „hatte die Kurpfalz schon früh reformierten Refugianten, Glaubensflüchtlingen aus Frankreich und vor allem der frankophonen Wallonie, Zuflucht in aufgehobenen ehemaligen Klöstern geboten, so in Frankenthal, Schönau sowie Otterberg und Lambrecht.“ Gerade die Stadtgründung Frankenthals 1562 beruhte auf dieser Migrationspolitik.
Die Festungsgründung Mannheims im Jahre 1606 vollzog sich dann allerdings doch unter etwas veränderten Vorzeichen, auch wenn der Gegensatz von Katholiken und Reformierten nach wie vor tief verankert war. Von Migration „auf einer kurzen Strecke“ spricht Wiegand hinsichtlich der Festungsgründung zunächst einmal mit Blick auf die Bewohner des nahegelegenen Dorfes Mannheim. Diese wurden nämlich dazu angehalten, in den „jungen Busch“ zu ziehen, was für diese in erster Linie mit Ängsten verbunden war. Sie erhoben deshalb verschiedene Forderungen. Darunter war unter anderen die Forderung nach Steuern für Zugezogene. Dies widersprach dem Ansinnen der reformierten politischen Elite jedoch grundlegend.

So hatte der Heidelberger Oberrat beschlossen, die Zuzugsbedingungen für „rechtgläubige“ Menschen nach Mannheim so günstig wie möglich zu gestalten. Man versprach mittels hochdeutscher, französischer, niederländischer und lateinischer Texte „Freyheiten und Begnadigungen“ für alle Neuankömmlinge Beispielsweise sollten alle Migrant*innen, die ein Haus bauen wollten, zwanzig Jahre von den Steuern befreit sein.

Titelblatt der neuen Stadtprivilegien in vier Sprachen von 1607 (Nachdruck von 1608)

 

Der Aufsatz beschreibt in der Folge die „schwierige Entwicklung“ beim Festungsbau und Anlocken von Migranten. So waren vorübergehend 700 italienischsprachige Arbeiter vor Ort, um die Festung zu bauen, ließen sich aber nicht dauerhaft nieder. Besonders engagiert beim Festungsbau zeigte sich der Wetterauer Graf Otto von Solms-Hungen, dessen großes politisches Anliegen es aber ebenso war, reformierte Flüchtlinge nach Mannheim zu locken. Da man sich jedoch beim Bau sehr schwer tat – er überstieg die finanziellen Möglichkeiten der Kurpfalz – ließ die Attraktivität der Gegend als neue Heimat zu wünschen übrig, zumal man auch wirklich nur Reformierte und keine Angehörigen anderer Religionen aufnehmen wollte. Als Hinweis auf die schleppend verlaufene Ansiedelung Ortsfremder führt Prof. Wiegand die Überlieferung der Stadträte aus dem Jahr 1617 an. So befanden „sich unter den ersten zehn namentlich bekannten „Stadträten“ […] nur solche […], die bereits als Dorfschöffen im alten Dorf amtiert hatten“. Selbst unzufriedene Protestant*innen aus Frankenthal seien lieber nach Oppenheim als nach Mannheim gezogen. Besonders interessant ist der Umstand, dass die bereits zitierten Versprechungen von „Freyheiten und Begnadigungen“ wohl oftmals leer waren. Überliefert ist vielmehr, dass die Bewohner Mannheims „zu schweren Arbeiten herangezogen wurden“.

Vermutlich noch gewichtiger war jedoch die veränderte politische Situation im Religionskonflikt. Obwohl sich Katholiken und Reformierte immer noch feindlich gegenüberstanden, waren die objektiven Bedingungen für letztere beispielsweise in Frankreich wesentlich erträglicher als noch zu der Zeit, in der sich die politische Orientierung der kurpfälzischen protestantischen Eliten herausgebildet hatte. Mittlerweile waren den Reformierten in Frankreich mehr Rechte eingeräumt worden, was den Abwanderungsdruck deutlich verminderte. Auch zwischen den protestantischen Niederlanden und Spanien war 1609 immerhin ein Waffenstillstand beschlossen worden. Als weiteren die Migration hemmenden Grund führt Prof. Wiegand die pfälzische Mehrheitsgesellschaft in Mannheim an, „die den Fremden gegenüber keineswegs immer freundlich gesinnt war.“

Ankunft wallonischer Flüchtlinge in Mannheim. Relief an der ehemaligen Darleih-Kasse in B 2, 1.

 

Von denen, die nicht nach Mannheim kamen, wendet der Aufsatz nun seinen Blick hin zu denen, die in Mannheim ihre neue Heimat fanden und in ihr wirkten. Angesprochen wrden vor allem „frankophone reformierte Exulantinnen und Exulanten“. Ein Pfarrer und ganze 24 Familien seien 1608 kurzzeitig nach Mannheim gekommen und es wird gemutmaßt, dass eine „größere Gruppe von Refugiées aus Lixheim“ den Weg nach Mannheim gefunden habe. Als weitere Dokumente, die über die Anwesenheit von Migrant*innen in Mannheim Aufschluss geben können, zieht Prof. Wiegand „das Gültregister von 1617 und den Eigentümerplan vor 1622“ heran. Bei ersterem handelt es sich um ein Verzeichnis der Hypothekenschulden der Eigentümer*innen, wohlhabende, nicht verschuldete Einwohner*innen tauchen also nicht darin auf. Es gelingt vor allem der Nachweis frankophoner „Refugiées“, die als „echte Migranten“ aus konfessionellen Motiven bezeichnet werden. Wiegand spricht von „deutlich über 50 Personen“. Überdies lässt sich auch eine eigene Kirchengemeinde mit französischer Liturgiesprache nachweisen. Niederländische Namen finden sich dagegen kaum. Es wird hierzu die These aufgestellt, dass womöglich viele von ihnen Mannheim noch vor dem 30-jährigen Krieg verlassen haben könnten.

Ohnehin ist der Blick auf die kirchlichen Verhältnisse des frühen Mannheim aufschlussreich. Noch als Dorf hatte Mannheim bereits eine wallonische Gemeinde. Diese verfügte über eigene Pfarrer und hatte wohl sogar eine provisorische Kirche westlich des Neckartors im Bollwerk. Der frankophone Pfarrer Hubin verdiente wohl sogar mehr als der Hofprediger Daniel Tossanus, was als Beleg für die Bedeutung der Exulant*innen für die kurfürstliche Regierung gelten kann.

Doch nicht nur als Pfarrer erfüllten Zugezogene für die Gesellschaft wichtige Funktionen. Zwei der ersten vier Schultheißen hatten in diesen Zeiten Migrationshintergrund: zum einen Nikolaus Heinsius, ein Niederländer, und zum anderen Johann Kasimir Raquet, ein französischsprachiger Mann. Besonders für Hensius ist überliefert, dass er in der Stadtgesellschaft von Relevanz war. Ein Gedicht bezeugt seine hohe Stellung und die Verbindungen, die er zu anderen Hochrangigen gehabt haben muss. Dieses Gedicht wird von Wiegand vollständig zitiert und interpretiert. So kann die hohe Stellung eines Zugezogenen und die Tatsache, dass ein Gedicht über ihn verfasst wurde, laut Wiegand „fraglos“ als Signal dafür gewertet werden, „dass die Regierung Reformierte mit niederländierscher Herkunft für die neue Siedlung gewinnen wollte.“ Da, wie bereits erwähnt, eher wenige niederländische Namen überliefert sind, macht es nicht den Anschein, dass dieses Ansinnen von großem Erfolg gekrönt war.

Im Dreißigjährigen Krieg kam es schließlich sogar zu Migrationsbewegungen aus Mannheim heraus. Die Eroberung durch Tilly 1622 und die damit einhergehende Verschiebung der konfessionellen Machtverhältnisse hin zu einer Dominanz der Katholiken – die Kurpfalz fiel an Bayern – machten Mannheim zu keinem guten Ort für Protestanten. Die nun angedachte Katholisierung der Stadt sollte aber ebenso wenig gelingen. Mannheim, das nun also zum ersten Mal zerstört wurde, bot sicherlich wenig Anlass zum Zuzug. Weitere massive Einschnitte erfolgten 1635 erneut bayerische und kaiserliche Truppen in Mannheim einrückten und ihre Spuren hinterließen sowie 1636/37 durch die Pest. Viele Menschen starben bzw. flüchteten aus Mannheim. Schließlich wurden auch die letzten Mannheimerinnen und Mannheimer 1644 von Herzog Karl III. von Lothringen vertrieben, sodass die Bevölkerungszahl Mannheims tatsächlich auf Null sank.

Der neue Kurfürst Karl Ludwig machte sich Anfang der 1650er an den Wiederaufbau Mannheims im Geiste der ersten Stadtgründung. Wieder räumte man potentiellen Zuzüglern besondere Rechte ein und zielte wieder auf religiös Verfolgte ab. Die politische Situation in Europa war zu diesem Zeitpunkt allerdings durchaus verändert.

 

 

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