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Forschung

Darstellung des Schlosses mit Schlossgarten von ca. 1800
Regionale Zuwanderung und europäische Strahlkraft. Die Residenzzeit.

Um Ihnen unsere Publikation "Veröffentlichungen zur Mannheimer Migrationsgeschichte" näher zu bringen, stellen wir Ihnen jeden Monat ein Kapitel des Sammelbandes in Kurzform vor. An der Reihe ist nun das Kapitel über die Residenzzeit Mannheims, 1720-1778. Es wurde von Prof. Hiram Kümper vom Historischen Institut der Universität Mannheim verfasst.

Als Mannheim 1720 Residenzstadt wurde, veränderte sich das Leben für die Stadt und ihre Bevölkerung grundlegend, so Kümper. Das Stadtbild und die ökonomische und soziale Struktur seiner Einwohner wandelten sich mit der Verlegung der Residenz nach Mannheim recht schlagartig. Noch während der Zeit der Interims-Residenz in R 1 (bis 1731) zog der Hof nach Mannheim, wodurch die Bevölkerungszahl rasant stieg. Nicht nur Handwerker für den Schlossbau, sondern auch Zulieferbetriebe für den Hof siedelten sich an. Mannheim entwickelte sich zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum, das zahlreiche Menschen anzog. Diese kamen in erster Linie aus dem Umland. Internationale Strahlkraft gewann die Stadt durch den Hof und sein künstlerich-wissenschaftliches Umfeld.

Über die Frage, wem der Zuzug gestattet sein sollte, und die Frage der rechtlichen Stellung der Zugezogen wurde über Jahrzehnte heftig diskutiert. Unterschieden wurde zwischen Bürgern, Beisassen und Einwohner*innen. Letztere hatten keine Bleiberechte und wurden nur geduldet. Vor der Erteilung des Bürger- oder Beisassenrechts wurden Fremde genau geprüft. Ein Mindestalter und Mindestvermögen war Grundvoraussetzung, doch änderten sich Alters- und Vermögensgrenzen ständig. Außerdem konnte ein Schutzrecht bei Verarmung offenbar wieder entzogen werden. Die Frage der Freizügigkeit wurde unterschiedlich beantwortet und wandelte sich rasch mit geänderten politischen Rahmenbedingungen und wirtschaftspolitischen Vorstellungen.
Aus Sorge um den Wohlstand der Gemeinschaft wurden Zuzugsbeschränkungen erlassen. Eine sozial differenzierte Bevölkerungspolitik setzte sich durch. Entscheidend war das ökonomische Potential des Einwanderungswilligen, von dem auch die Gründung einer Familie verlangt wurde. In diese Zeit fielen auch die Anfänge der Statistik als politisches Planungselement. Auf der Grundlage der Bevölkerungstabellen wurde die Entwicklung der Bevölkerung analysiert und politische Schlüsse daraus gezogen. Die Bevölkerungspolitik orientierte sich dabei ausschließlich am ökonomischen Wohlstand der Gemeinschaft.

Bevölkerungsentwicklung in Mannheim 1719-1786: Mit dem Zuzug des Hofes stieg die Bevölkerungszahl an. Der Wegzug des Hofes bedeutete den Beginn der Reduzierung der Bevölkerung.

Die Zuwanderer in den Anfangsjahren der Residenzzeit waren vermutlich sehr jung und wurden rasch Eltern, sodass die Geburtenzahl die Sterberate überstieg. Mit den Jahren drehte sich aber das Verhältnis um, sodass die Stadt eigentlich immer auf Zuzug angewiesen war. Insbesondere die Zünfte hatten allerdings Angst vor „Übersetzung“. Sie wollten den Zuzug von außen mitunter drosseln, weil sonst die Konkurrenz zu stark geworden wäre. Die eigenen Söhne wurden in der Regel in die Zünfte aufgenommen, da sie die väterlichen Betriebe überahmen. Doch weitere Konkurrenz wollte man vermeiden.


Geburten und Todesfälle in Mannheim 1720 bis 1775

Der Hof locke Künstler und Gelehrte aus dem Ausland an und sorgte so für europäische Strahlkraft. Eine besondere Rolle spielten bei Hofe die französische Kultur und die französischen Gelehrten und Künstler. Im Einzelnen kann aufgrund der Kürze der Zusammenfassung nicht auf alle Ausführungen Kümpers eingegangen werden. Nur so viel sei gesagt, dass sich erst in der ausgehenden Residenzzeit eine Abkehr von Französischen und eine Hinwendung zum Deutschen zeigte.

Mit dem Hof explodierte die Kaufkraft in Mannheim, die städtische Ökonomie richtete sich auf die Bedürfnisse des Hofes und der Bürgerschaft aus. Mannheim wurde zur „Konsumentenstadt“ (Werner Sombart). Mit diesem Begriff werden Städte charakterisiert, deren ökonomische Lebensader eine Konsumentenschicht ist, die sich nicht durch Arbeit vor Ort finanzierten, sondern durch Renten, Zinseinnahmen, Gewinnbeteiligungen, Steuereinnahmen, etc. Als entsprechend fragil sollte sich der Mannheimer Reichtum auch herausstellen, als 1778 der Hof nach München weiterzog.


Quellen zur Mannheimer Migrationsgeschichte: Die Ratsprotokolle des 18. Jahrhunderts. Foto, 2006, MARCHIVUM

Ausländer, die sich in Mannheim ansiedelten, sollten hier eine Familie gründen oder ihre Familie nach Mannheim nachkommen lassen. Insbesondere Italiener, die ihre Familien in Italien ließen und durch ihre regelmäßigen Heimataufenthalte Geld außer Landes schafften, wurden aufgefordert ihre Frauen und Kinder nachzuholen. Kümper geht des Weiteren auf das Zusammenleben von Garnison und Bürgerschaft ein, dass regelmäßig von Spannungen gekennzeichnet war. Hier sorgten vor allem wirtschaftliche Betätigungen der Garnisonsangehörigen für Reibungen mit den Zünften. Zuletzt nimmt er den armen Bevölkerungsteil in den Blick. Arme Fremde sollten aus der Stadt tunlichst ferngehalten bzw. entfernt werden. Bei der Unterscheidung in „kulturelle“ und „soziale“ Fremdheit, wie dies die neuere Migrationsforschung tut, wird deutlich, dass letztere entscheidend war. Fremdheit war in der Stadtgesellschaft keine Frage der anderen Herkunft, sondern mangelnder sozialer Zugehörigkeit.

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