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Forschung

Fünf Menschen in einem abgezäunten Gelände einer Sammelunterkunft im Jahre 1946.
1939 – 1955: Migration während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit

Spricht man über Migration während des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Zeit danach, spricht man im Grunde ausschließlich über erzwungene Migration. Menschen mussten vor Krieg und politischer Verfolgung fliehen oder wurden unfreiwillig durch Deportation und Verschleppung an andere Orte gebracht. Angela Borgstedt versucht, mit ihrem im Band „Zusammenleben in Vielfalt“ zur Mannheimer Migrationsgeschichte erschienenen Aufsatz, Eindrücke zu diesem Zeitabschnitt zu vermitteln.

Im Rückblick lassen sich für die Zeit von 1939 bis 1945 nur schwer feste Zahlen erarbeiten. Ein Großteil der Unterlagen, die Aufschluss geben könnten, wurden im Krieg vernichtet. Bei dem Material, das in Augenschein genommen werden kann, verschwimmen überdies Kategorien. So überschneiden sich beispielsweise die Zahlen der Kriegsgefangenen mit denen der Zwangsarbeiter. Die Einwohnerzahl Mannheims zeigt jedoch schon überaus deutlich die Tendenz der Migrationsbewegungen an. Während 1939 zu Kriegsbeginn noch 282.635 Menschen in Mannheim lebten, waren es 1945 noch 106.300. Es ist darüber hinaus bekannt, dass von einer Zahl von insgesamt 30.000 Zwangsarbeiter*innen in Mannheim von 1939 bis 1945 gesprochen werden kann.


Zug französischer Kriegsgefangener durch die Mannheimer Innenstadt, 1941, MARCHIVUM

Zwangsarbeiter*innen und generell alle, die nach dem Krieg nicht an ihrem eigentlichen Heimatort lebten, werden als „Displaced Persons“ (DPs) bezeichnet. 1946 befanden sich wohl 19.000 dieser DPs in Mannheim. Mannheim kam bei diesen Migrationsprozessen nach dem Krieg der Charakter einer „Endstation“ zu, da es die letzte Stadt vor der französischen Besatzungszone war, die eine Aufnahme konsequent verweigerte.

Die in Mannheim nun ansässigen DPs waren vorrangig in Lagern und Sammelunterkünften untergebracht, wie der Lüttich-Kaserne am Ulmenweg. In solchen Unterkünften befanden sich beispielsweise Ende März 1946 insgesamt rund 8000 Flüchtlinge. Das Verhältnis dieser zu den Einheimischen war dabei durchaus von Spannungen geprägt. So wurden die DPs mit Schwarzmärkten in Verbindung gebracht und über die „eigenmächtige Requirierung von Wohnraum“ Zurückgekehrter geklagt. Interessante Einblicke in den Alltag der Unterkunftsbewohner*innen bietet der 17-jährige Schlesier Felix Wollochny. Seine Berichte vom rauen Umgang unter den DPs, die sich von Tag zu Tag durchschlugen mussten, werden im Aufsatz auszugsweise zitiert.


Lager für "Displaced Persons" in Mannheim, um 1946, MARCHIVUM

Im März 1946 waren 7879 Soldaten aus alliierter Gefangenschaft nach Mannheim heimgekehrt. Für diese galt als einziger Migrantengruppe in dieser Zeit, keine Zuzugssperre und es war ihnen sogar gestattet, ihre Familien nachzuholen. Eigentlich war nämlich aufgrund der verheerenden Wohnsituation eine solche Sperre bis ins Jahr 1950 verhängt worden.

Man versuchte aufgrund des massiv zerstörten Gebäudebestandes und der unglaublichen Zahl von 70.000 Obdachlosen eigentlich jeden Zuzug zu unterbinden. Von 86.682 Wohnungen waren nur 14.637 unbeschädigt. Nichtsdestotrotz stieg die tatsächliche Zahl von Menschen in Mannheim schon im Oktober 1946 auf über 200.000. Von diesen waren nicht wenige illegal nach Mannheim gekommen, da sie keine andere Möglichkeit sahen. Diese illegalen Zugezogenen waren zwar einerseits eine Last, andererseits aber auch geschätztes Personal bei den nötigen Instandsetzungsarbeiten.


Einweihung des Betsaals der jüdischen Gemeinde in R 7, 24, 1946, MARCHIVUM

Eine offizielle Rückholaktion der Stadtverwaltung gab es in Mannheim, wie in anderen Städten auch, für vertriebene Jüdinnen und Juden. So wurden 1945 60 Mannheimer Juden aus Theresienstadt zurückgeholt und nach einer komplizierten, gar abenteuerlichen Aktion am 29. Juni in Mannheim begrüßt. Wie sich das Wiederentstehen der jüdischen Gemeinde von einer provisorischen Unterbringung im ehemaligen Gebäude der Handwerkskammer über die Einrichtung eines Betsaals 1946 in den R-Quadraten weiterentwickelte, ist, so wie einige weitere spannende Details, im Sammelband „Zusammenleben in Vielfalt“ nachzulesen.

Borgstedt jedenfalls konstatiert, dass die Nachkriegsgeschichte „wesentlich Migrationsgeschichte“ ist.

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