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Nachlasswelten

Portrait Hans Reschke, 1964
Hans Reschke

Als beliebter Kommunalpolitiker, der 16 Jahre die Geschicke Mannheims als Oberbürgermeister gelenkt hat, und als Namensgeber des am Rande der Oststadt gelegenen Neckarufers ist Hans Reschke bekannt. Und passend zum Stadtteil, in dem an ihn erinnert wird, ist er als Politiker und Oberbürgermeister Mannheims vor allem Stimme des bürgerlichen Lagers.

Hans Reschke wird am 22. März 1904 in Posen, im heutigen Polen, geboren. Wie sein Vater strebt auch Hans Reschke die Stellung des Juristen an. Hierfür studiert er in Berlin und Heidelberg, wo er, ebenfalls wie der Vater, Mitglied der schlagenden Verbindung Corps Rhenania wird. Doch auch auf politischer Ebene folgt Hans Reschke, der ab 1927 den Doktortitel der Rechts- und Staatswissenschaften führen darf, seinem Vater zumindest grob. War der Vater noch Mitglied der nationalkonservativen, antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei DNVP, wird Hans Reschke pünktlich nach der Machtübergabe im Frühjahr 1933 Mitglied der NSDAP. In der Familie vollzieht sich im Kleinen also eine politische Entwicklung, die für die völkischen Kreise der gesamten Weimarer Republik steht.

Hans Reschke an seinem Schreibtisch, 1964

Die politische Positionierung Reschkes in den Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft wird ihm auch später noch vor die Füße fallen, denn nicht nur die NSDAP-Mitgliedschaft, die ihm aufgrund des Zeitpunktes noch wohlwollend als Opportunismus ausgelegt werden könnte, ist aus Nachkriegssicht als problematisch einzustufen. Reschke übernimmt eine Mehrzahl an Ämtern und Mitgliedschaften. So wird er Mitglied im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen, ist ab 1934 als Landrat im Kreis Höxter Funktionsträger des NS-Systems und führt diese systemstützende Tätigkeit 1939 im Kreis Recklinghausen weiter. Überdies wird er 1937 ehrenamtliches Mitglied im Sicherheitsdienst (SD), der direkt an die SS angegliedert ist, und hat symbolisch den Rang eines SS-Untersturmführers inne.

Einschlägige Erfahrungen für spätere Posten in der BRD kann Reschke bereits zuvor als Kreisfachberater für Kommunalpolitik bzw. als Kreisschulungsbeauftragter der NS-HAGO (Nationalsozialistische Handwerks-, Handels- und Gewerbeorganisationen) sammeln. Nach zwei Jahren Internierungshaft wird Reschke in einem Spruchkammerverfahren 1947 der Gruppe der politisch Entlasteten zugeordnet, so dass er die entsprechenden Posten in der BRD weiterbekleiden kann. Im Jahr 1951 führt ihn seine Berufung zum Hauptgeschäftsführer der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Rhein-Neckar durch SPD-Oberbürgermeister Heimerich nach Mannheim. Später wird er noch Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer.

Ironischerweise sind es unter anderem die Sozialdemokraten, die ihn später nach verlorener OB-Wahl des eigenen Kandidaten zum politisch Untragbaren degradieren wollen. Im Jahr 1955 gewinnt Reschke als Kandidat der CDU und somit des bürgerlichen Lagers die Wahl zum Oberbürgermeister gegen den von SPD und KPD unterstützten linken Kandidaten Werner Jacobi mit 51%. Schon im Vorfeld der Wahl ruft die KPD trotz innerlinker Differenzen mit der Sozialdemokratie zur Wahl gegen den Repräsentanten des Adenauer-Blocks Reschke und für den SPD-Kandidaten Jacobi auf. Jacobi, dies gilt es noch zu erwähnen, stellt den diametralen Gegenpunkt zu Reschke dar. Acht Jahre faschistischer Haft befreien den Sozialdemokraten von jeglichem Verdacht, mit der alten Macht im Bunde zu sein. Genau dies jedoch wird Reschke von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) vorgeworfen. Die Organisation, die zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nur aus überlebenden Gefängnis- und KZ-Häftlingen besteht, macht klar Front gegen den ehemaligen NS-Funktionär und sieht in ihm eine Kraft "einer finsteren und verabscheuungswürdigen Vergangenheit". Letztlich wird der gegen den Wahlsieg Reschkes eingelegte Einspruch aber abgewiesen. Reschke wird 1956, elf Jahre nach dem Zerfall des dritten Reiches, Oberbürgermeister Mannheims, die KPD im selben Jahr erneut verboten.

Diese spannende Phase Mannheimer Kommunalpolitik noch detaillierter darzustellen würde den Rahmen sprengen. Es sei an dieser Stelle also auf unsere Zeitgeschichtliche Sammlung (ZGS) verwiesen, die Quellen zur weiteren Recherche bereithält und in gewisser Weise auch eine Medienschlacht der linken und bürgerlichen Medien dokumentiert.

Es beginnt nun die sechzehnjährige Phase Reschkes als Mannheimer Oberbürgermeister. Von diesem Zeitpunkt an gibt auch der von uns verwahrte Nachlass Aufschluss. Der bisher besprochene Lebensabschnitt Reschkes ist vom Nachlass dagegen nicht abgedeckt. Es handelt sich also um ein gutes Beispiel für einen Teilnachlass.

Das wenige Material, das unter der Kategorie "Persönliches" zusammengefasst ist, befasst sich aber eher nicht mit wirklich persönlichen Themen und Ansichten Reschkes, sondern besteht vielmehr aus Gruß- oder Glückwunschkarten und Urkunden. Wer an Kommunalpolitik interessiert ist, kommt beim Nachlass Reschke jedoch auf seine Kosten. Die Organisation und Durchführung des OB-Wahlkampfes 1964 bildet einen weiteren Themenblock. Des Weiteren finden sich Unterlagen zu Reschkes Tätigkeiten in der Sachverständigenkommission für die Neugliederung des Bundesgebiets sowie in der Kommission für die Reform der staatlichen Verwaltung in Baden-Württemberg, auch "Reschkekommission" genannt. Dabei handelt es sich um ein Programm zur Reform der Landesverwaltung, deren Hauptverantwortlicher Dr. Hans Reschke ist. Das Material zum Institut zur Förderung öffentlicher Angelegenheiten besteht in der Hauptsache aus Buchhaltungsunterlagen.

Tatsächlich sind es Reschkes rhetorische Fähigkeiten und sein Verstand als Kommunalpolitiker, die ihm einige umgesetzte Projekte und somit eine durchaus erfolgreiche Laufbahn als Mannheimer OB bescheren. Die Erschließung von Vogelstang und Waldhof-Ost als Wohngebiete und der Friesenheimer Insel als Industriegebiet fallen in seine Amtszeit. Der Bau der zweiten Rheinbrücke, der Ausbau der Wirtschaftshochschule zur heute international bekannten Universität und auch die Entwicklung der städtischen Krankenanstalten hin zum Klinikum Mannheim sind Reschke ebenfalls zuzuschreiben. Auf kultureller Ebene liegt ihm das Nationaltheater besonders am Herzen. Seine Arbeit bringt ihm einen selten gekannten Rückhalt in der Mannheimer Bevölkerung ein. Als 1962 die Möglichkeit die Runde macht, Reschke könne die Stelle des Hauptgeschäftsführers des Deutschen Städtetags in Köln übernehmen, gehen tausende MannheimerInnen in Form eines Fackelzuges mit der Losung "Dr. Reschke bleib am Wasserturm!" auf die Straße. Als er 1964 wiedergewählt wird, sind nun auch die Sozialdemokraten auf seiner Seite, so dass er mit 99,8 % der Stimmen in seinem Amt bestätigt wird.

MannheimerInnen demonstrieren für den Verbleib Reschkes in der Stadt, 1962

Weitere Anerkennungen und Ehrungen beweisen seine zweifellos große Bedeutung für Mannheim. So wird er 1972 gleich dreimal geehrt. Er wird zum einen Ehrenbürger Mannheims und erhält die Hermann-Heimerich-Plakette, zum anderen wird er mit dem Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet. 1975 wird ihm mit dem Bloomaul-Orden gar die höchste bürgerschaftliche Mannheimer Würdigung zuteil. 1985 bekommt er die Verfassungsmedaille des Landes Baden-Württemberg. Überdies wird er im Laufe seines Schaffens Ehrendoktor der Universitäten Mannheim und Heidelberg, erhält die Goldene Nadel des Vereins Kurpfalz und wird Ehrenmitglied der Gesellschaft der Freunde Mannheims.

In Erinnerung bleibt er als "ein kunstsinniger und redegewandter Diener aller Bürger", wie der Mannheimer Morgen zu seinem hundertsten Geburtstag im Jahre 2004 titelt. Diesen sollte Reschke jedoch nicht mehr erleben. Er stirbt am 17. Oktober 1995 im Alter von 91 Jahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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