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Nachlasswelten

Foto schwarz-weiß von Herbert Mies und Michail Gorbatschow
Mannheim, Moskau und zurück. Der Lebensweg des Herbert Mies

"Kommunist seit seiner frühsten Jugend und bis ans Lebensende seiner Überzeugung treu geblieben." So beschrieb die Kreisorganisation Mannheim der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) in ihrer Traueranzeige den am 14. Januar 2017 verstorbenen Herbert Mies, der die Partei 17 Jahre lang als Vorsitzender geführt hatte. Der Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa und die Einheit Deutschlands veränderten die Welt, aber nicht sein Weltbild.

Geboren 1929 im Mannheimer Norden, wuchs Mies in dem Milieu auf, dem er zeitlebens verhaftet bleiben sollte. Sein Vater, ein Heizer und späterer Bahnarbeiter, war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Weil er sich weigerte, Offiziersanwärter der Wehrmacht zu werden, blieb Herbert Mies der Zugang auf die Lehrerbildungsanstalt Bad Rippoldsau im Schwarzwald versperrt. Ab 1944 arbeitete er stattdessen bei der BBC in Mannheim.

In der Kaderschmiede

Nach dem Kriegsende 1945 trat er der wiederzugelassenen KPD bei, für die er als Jugendfunktionär Karriere machte. Mies gehörte zum kleinen Kreis der Westdeutschen, die an der Parteihochschule Karl Marx in der Sowjetischen Besatzungszone studierten. Im "Roten Kloster" zog die kommunistische Partei ihre ideologietreuen Eliten heran. Als Führungskader der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Westdeutschland lernte Mies Anfang der 1950-er den FDJ-Vorsitzenden in der DDR kennen, Erich Honecker. Mit ihm verband Mies eine lebenslange politische Freundschaft.

Nelken für den Vorsitzenden. Erich Honecker verleiht in Anwesenheit des SED-Politbüros Herbert Mies zum 50. Geburtstag den Karl-Marx-Orden 1979.

Nach dem Verbot der KPD durch das Bundesverfassungsgericht 1956 – die FDJ in Westdeutschland war bereits zuvor wegen ihrer Verfassungsfeindlichkeit verboten worden – delegierte die Partei Mies zum Studium nach Moskau. Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik arbeitete er als Schriftsetzer und Verlagslektor, doch tatsächlich kümmerte er sich um den Erhalt der illegalen Parteistrukturen.

Ende der 1960-er konnte sich schließlich die DKP als Nachfolgepartei der verbotenen KPD konstituieren. Die Bundesrepublik und ihre Institutionen sahen sich nach knapp zwanzig Jahren gefestigt genug, um eine Partei, die eine Diktatur des Proletariats anstrebte, zuzulassen. Die Gründungsphase der DKP fiel in die Zeit, als sich die erste Große Koalition und die ihr folgende sozialliberale Regierung um eine vorsichtige Annäherung an den Ostblock bemühten. Die Zulassung der DKP, die ihre Zentrale in Essen hatte, war auch ein Signal der Entspannung an Moskau und Ost-Berlin.

Ihre Mitglieder und Sympathisanten rekrutierte die DKP aus Altkommunisten und der zerfallenden Studentenbewegung. Herbert Mies übernahm zunächst den stellvertretenden Parteivorsitz und 1973 schließlich den Vorsitz. Er führte die DKP als marxistisch-leninistische Kaderpartei, die bedingungslos den Vorgaben der SED und der Sowjetunion folgte. So verteidigte die Partei die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 als Abwehr der Konterrevolution, rechtfertigte die Berliner Mauer als "antifaschistischen Schutzwall" ebenso wie den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan 1979 oder die Unterdrückung der unabhängigen polnischen Gewerkschaft Solidarnosc Anfang der 1980-er.

Aufruf zum Widerstand. Wahlplakat der DKP zur Bundestagswahl 1983

Auch im "roten Jahrzehnt" (Gerd Koenen) der 1970-er gelang es der DKP nicht, größere Wählerschichten zu gewinnen. Bei den Bundestagswahlen erreichte sie nie mehr als 0,3 Prozent der Stimmen. Mit ihren etwa 40.000 Mitgliedern blieb die DKP eine Funktionärspartei, deren Aktivitäten – Verlage, Publikationsorgane, Jugend- und Studentenverbände – üppig von der SED alimentiert wurden. Mit jährlich bis zu 75 Millionen Mark unterstützte die SED den aufgeblähten Parteiapparat der DKP.

Ihr Vorsitzender Herbert Mies war ein geschätzter Gast auf Parteitagen und anderen Massenveranstaltungen in den sozialistischen Bruderländern, die ihn mit Orden und Auszeichnungen dekorierten. In Grußworten und Reden bekannte er sich zu der als Völkerfreundschaft verbrämten sowjetischen Hegemonie in Osteuropa. Als der sowjetische KP-Chef Leonid Breschnew in den 1970-ern in der Bundesrepublik zu Staatsbesuchen weilte, erhielt der DKP-Vorsitzende Mies auf Wunsch des Gastes Einladungen zu Empfängen und Banketten.

Aufwartung für den Generalsekretär. Herbert Mies bei der Beisetzung von Lenoid Breshnew an der Kremlmauer in Moskau 1982

Erfolg und Niedergang

In der weite gesellschaftliche Kreise umfassenden bundesdeutschen Friedensbewegung der 1980-er sah die DKP die Chance, ihre Basis zu verbreitern und im Sinne der SED das westliche Bündnis zu schwächen. Bei den Demonstrationen gegen die Stationierung von US-Atomraketen in der Bundesrepublik stilisierte sich die Partei als Vorkämpferin für Frieden und Abrüstung, verschwieg aber geflissentlich, dass erst die atomare Aufrüstung und die militärische Intervention der Roten Armee in Afghanistan die Nachrüstung der NATO ausgelöst hatten.

Die Friedensbewegung bescherte der DKP zwar den erhofften gesellschaftlichen Anschluss, doch hatte dieser politische Erfolg unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Besonders der Parteinachwuchs war nicht mehr zu der von Mies verordneten kritiklosen Gefolgschaft der SED-Gerontokratie bereit. Als Michail Gorbatschows Reformen und der "Völkerfrühling" in Mittel- und Osteuropa die scheinbar zementierte politische Ordnung aufbrachen, stürzte nicht nur die DKP in eine schwere Krise.

Als der Totengräber noch Hoffnungsträger war. Herbert Mies und Michail Gorbatschow in Moskau 1987

Weihnachten 1989 erlitt Mies einen Herzinfarkt. Die Inzidenz von persönlichem und politischem Zusammenbruch stilisierte er in seiner 2009 veröffentlichten Autobiografie im Sinne eines treuen Parteisoldaten: "Was ist mein Herzinfarkt gegen den Infarkt des realen Sozialismus?"

Nach dem Rücktritt vom Parteivorsitz 1990 zog Mies mit seiner Ehefrau Gerda, die seit den 1950-ern seine politische Gefährtin war, aus Düsseldorf in seine Geburtsstadt zurück. In Mannheim gründete er den Gesprächskreis Geschichte und Politik e.V., der die orthodoxe marxistische Lehre pflegte. In die bundesweite Öffentlichkeit geriet der Altkommunist, als er 1994 kurzseitig in Beugehaft genommen wurde, weil er die Aussage über illegale Parteispenden an die DKP vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss zur Tätigkeit von Alexander Schalck-Golodkowskis "Kommerziellen Koordination" verweigert hatte.

Unbeirrbar, unbelehrbar, unversöhnlich

Ansonsten widmete sich Mies der Pflege alter Freund- und Feindschaften. Bereits 1999 erhielt das damalige Stadtarchiv Mannheim seinen Vorlass, der später laufend ergänzt wurde. Der Nachlass von Herbert Mies gehört zu den umfangreichsten des MARCHIVUM. Der Bestand enthält Korrespondenzen, Redemanuskripte, Fotos, Orden und Veröffentlichungen. In den späten Publikationen zeigte Mies sich unbeirrt in seinem Weltbild.

Treue demonstrierte er zu den unbelehrbaren SED-Genossen wie dem ehemalige DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler, der wegen der Morde an der innerdeutschen Grenze vom Berliner Landgericht wegen Anstiftung zum Totschlag verurteilt worden war. Gorbatschow hingegen schmähte Mies als "Konterrevolutionär" und "Totengräber" des Realsozialismus.

In herzlicher Abneigung blieb er auch seinem Kommilitonen aus dem "Roten Kloster" Hermann Weber verbunden. Der ebenfalls aus Mannheim stammende Weber hatte Mitte der 1950-er öffentlich mit dem Kommunismus gebrochen, was für Orthodoxe wie Mies einen unverzeihlichen Verrat bedeutete. Sentimental wurde der politisch unversöhnliche Ex-Parteifunktionär indes, wenn es um seine Herkunft ging. In einer ZDF-Dokumentation über die Visite Erich Honeckers in Bonn 1987 erzählte Mies in breiter Mannheimer Mundart, wie er seinen Freund zum Besuch in dessen saarländischem Geburtsort bewegte: "Wir Kommunisten lieben unsere Heimat genauso wie jeder andere Bürger."

Das Leben und Wirken von Herbert Mies, dem Kämpfer für den proletarischen Internationalismus aus Mannheim, wird auch in der Stadtgeschichtlichen Ausstellung des MARCHIVUM thematisiert, die im Herbst 2021 eröffnet.

 

 

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Gespeichert von Gast am/um Do., 24.12.2020, 12.05 Uhr

Es ist mir ein Anliegen, der…

Es ist mir ein Anliegen, der doch sehr einseitigen Beschreibung von Herbert Mies einige Aspekte hinzuzufügen.
Neben vielen anderen prominenten Mannheimern lernte ich während meiner langjährigen Tätigkeit im Stadtarchiv Mannheim/MARCHIVUM auch Herbert Mies kennen, als er sich 1999 entschloss, seinen Nachlass bereits zu Lebzeiten dem Archiv seiner Heimatstadt zu überlassen. Meine Aufgabe bestand darin, Herbert Mies bei der Auswahl der Dokumente für das Stadtarchiv zu beraten und zu unterstützen. Aufgrund des enormen Umfang seines Privatarchivs erstreckte sich die Zusammenarbeit über mehrere Jahre, in deren Verlauf sich eine persönliche Freundschaft entwickelte.
In vielen Gesprächen kam deutlich zum Ausdruck, welche Erfahrungen sein Leben prägten. Da war die proletarische Herkunft, die auch Armut und soziale Ausgrenzung bedeuteten. "Schon als Kind bekommt man ein Empfinden für die Missachtung der menschlichen Würde. Nichts beginnt man schon im Kindesalter mehr zu verachten und zu hassen als seelische Fußtritte, als die Verweigerung von Achtung durch die Wohlhabenden" - so beschreibt er es in seiner Autobiografie "Mit einem Ziel vor Augen". Sein lebenslanges Eintreten für Arbeiterinteressen und für soziale Gerechtigkeit fanden hier ihren Ursprung. Dass hierbei für ihn Parteigrenzen keine Hindernisse darstellten, zeigte sich, als er den Vorsitz des Ortsvereins Schönau der sozialdemokratisch geprägten Arbeiterwohlfahrt übernahm. Trotz ideologischer Unterschiede wurde er von vielen Mannheimer Sozialdemokraten wegen seines sozialen Engagements geschätzt und respektiert. Als Gewerkschafter nahm er nach seiner Rückkehr nach Mannheim auch alljährlich an den Kundgebungen zum 1. Mai teil, die meist auf dem Marktplatz stattfanden.
Eine weitere Prägung erfuhr Herbert Mies durch das Erleben von Nationalsozialismus und Krieg. Die politisch bedingte Arbeitslosigkeit seines Vaters wegen dessen Mitgliedschaft in der KPD sowie die Inhaftierung und Ermordung von Kommunisten durch die Nazis waren Gründe für die Hinwendung von Herbert Mies zum Kommunismus. Die Sätze "Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus" waren für ihn persönliche Leitsätze und zugleich Symbole für die kollektive Verantwortung aller Deutschen. Auf Protestmärschen gegen Rechtsradikalismus sah man ihn, so lange es seien Gesundheit zuließ. Ebenso bei den städtischen Gedenkfeiern für die Mannheimer Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Seine Frau Gerda war hierbei immer an seiner Seite.
Ja, Herbert Mies blieb seiner politischen Überzeugung ein Leben lang treu, auch nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus. Selbstverständlich kann und darf man diese Einstellung kritisieren. Wenn man ihn aber nur als unbelehrbaren Parteikader charakterisiert, wird man dem Menschen Herbert Mies nicht gerecht.

Walter Spannagel

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