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Nachlasswelten

Schwarz-Weiß Foto Hermann Heimerich
Hermann Heimerich

Am 9. März des Jahres 1933 wird der Mannheimer Oberbürgermeister Hermann Heimerich unter Protest auf den Balkon des Rathauses in N1 geschleppt. Er wird gezwungen, der Verbrennung einer schwarz-rot-goldenen Fahne, der Fahne der Weimarer Republik, beizuwohnen. Stattdessen weht von nun an und für die nächsten 12 Jahre die Hakenkreuzfahne als Symbol für die Herrschaft der Nationalsozialisten. Erregt und erschüttert erleidet Heimerich in dieser Situation eine Nierenkolik und muss sich ins Theresienkrankenhaus begeben.

In den folgenden Tagen wird über ihn, während er im Krankenhaus liegt, die "Schutzhaft" verhängt; er selbst ersucht inzwischen um Beurlaubung von seinen Amtsgeschäften und wird schließlich am 17. Juni 1933 offiziell entlassen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war Heimerich bereits fünf Jahre im Amt gewesen. Er gilt als "ausgezeichneter Verwaltungsfachmann und Charakter", wie er beim Amtsantritt 1928 selbst von den Konkurrenten der Zentrumspartei beschrieben wird. Diesem Ruf wird er gerecht, sodass ihm in der aktuellen Geschichtsschreibung eine Rolle als Reformer zugeschrieben wird: "Bis auf die Ebene der Sachbearbeiter vermittelte er einen Begriff von demokratischer Verwaltung, von Dienst am Bürger und nicht zuletzt von Transparenz und Effektivität".

Auch bringt ihm die Eröffnung des städtischen Mütter- und Säuglingshauses im Herzogenried, das zur Entlastung des städtischen Krankenhauses dienen soll, Anerkennung ein. Ziel Heimerichs ist zudem ein Imagewechsel Mannheims, das fortan nicht nur als Stadt der Arbeit, sondern auch der Kultur bzw. als "Lebendige Stadt" – so der Name einer von ihm initiierten Zeitschrift – gelten soll. Vor diesem Hintergrund hält er auch gegen einigen Widerstand während der Weltwirtschaftskrise das Nationaltheater am Leben, was seine Wertschätzung für Kunst und Kultur zum Ausdruck bringt.

Für seine Politik in schweren Zeiten wird Heimerich immer wieder angefeindet. So lassen die über die Jahre in der Bevölkerung gewachsene kommunistische Bewegung sowie das nationalsozialistische Lager keine Möglichkeit verstreichen, durch propagandistische Angriffe von sich Reden zu machen und die gegenwärtige Ordnung sowie deren Repräsentanten zu diskreditieren. Heimerich wird einerseits als "Arbeiterverräter", andererseits als verschwendungssüchtiger "roter Bonze" diffamiert. Sein Kampf gegen die politischen Ränder kann jedoch den Trend zur Radikalisierung nicht stoppen. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten auf gesamtdeutscher Ebene führt in Mannheim zu den eingangs beschriebenen Geschehnissen.

Sein Leben vor der Oberbürgermeisterschaft in Mannheim führt den am 21.12.1885 in Würzburg geborenen Hermann Heimerich nach München zu einem Studium der Rechtswissenschaften, in dem er zunächst den Doktor- und später den Professorentitel erlangt. Arbeit findet er vor seiner politischen Laufbahn vorrangig als Rechtsanwalt. Mitglied der SPD wird er im Jahre 1911. Sein Weltbild ist dabei von der Zugehörigkeit zur freireligiösen Bewegung geprägt. Zentrum seines Denkens ist die freie Entwicklung des Individuums. Innerhalb der SPD ist er "eher respektiert als geliebt". Dies ist wohl durch seinen "großbürgerliche[n] Lebenswandel" zu erklären, mit dem ein Großteil der arbeiterdominierten SPD fremdelt.

Während der Nazidiktatur arbeitet er als Wirtschaftsberater und –treuhänder in Berlin. Trotz der politischen Positionierung in Reihen der Sozialdemokratie scheinen die Nazis keine allzu große Bedrohung in ihm zu sehen, so dass er anders als viele Parteigänger einigermaßen unbehelligt leben und arbeiten kann. Nach dem Sieg der Alliierten sind seine Kenntnisse und Erfahrungen wieder gefragt. Er kehrt in die Rhein-Neckar-Region zurück, wo er zeitweise als Oberregierungspräsident und vor allem als freier Rechtsanwalt fungiert.

Neujahrsempfang der Mannheimer Karnevalsvereine durch Oberbürgermeister Heimerich im Rathaus E 5: Oberbürgermeister Dr. Hermann Heimerich im Gespräch mit einem Karnevalisten, 1954

1949 kehrt er schließlich auf die politische Ebene in Mannheim zurück. Nach dem plötzlichen Tod von Oberbürgermeister Fritz Cahn-Garnier bringt die CDU in der Öffentlichkeit seinen Namen ins Spiel, woraufhin auch die SPD und die DVP seine Nominierung unterstützen. Gegen den durchaus populären kommunistischen Kandidaten, den Pfarrer Erwin Eckert, erringt Heimerich mit 65,3 Prozent eine große Mehrheit.

Mannheim hat den erfahrenen Verwaltungsfachmann somit wieder zurück, der an einige Punkte seiner Politik während der Weimarer Zeit anknüpfen kann, allerdings auch neuen Herausforderungen gegenübersteht. Im Zentrum steht dabei die Bekämpfung der Wohnungsnot durch den Neubau zahlreicher Wohngebäude sowohl in der Innenstadt wie auch in den Stadtteilen, aber auch die Wiedererrichtung öffentlicher Gebäude sowie Schulen und Kindergärten. Gleiches gilt für die öffentliche Infrastruktur, seien es die Modernisierung der öffentlichen Verkehrsbetriebe oder der Versorgung mit Strom, Wasser und Gas.

Ein überaus präsentes Thema ist außerdem der Neubau des Nationaltheaters. Dieses hält Heimerich zunächst für nachrangig, muss aber nach einer von Schauspielern initiierten Umfrage feststellen, dass der Mannheimer Bevölkerung durchaus an der Kulturstätte gelegen ist. Das Theater zieht vom Schiller- an den Goetheplatz, wo 1954 schließlich der Grundstein für den Neubau gelegt wird.

Ein besonderes Anliegen ist ihm außerdem die Überwindung der Ländergrenze zwischen Mannheim und Ludwigshafen. Er setzt sich entsprechend für ein großes südwestliches Bundesland ein, in dem der Großraum der beiden Städte eine wesentlich bedeutendere Rolle spielen würde. Auch wenn er mit seinem Bestreben nach neuen Ländergrenzen scheitert, so legt er doch damit den Grundstein für die heutige Metropolregion Rhein-Neckar.

1955 scheidet Heimerich als populärer Oberbürgermeister aus dem Amt; eine Wiederwahl stellt er sich altersbedingt nicht. Aus heutiger Sicht gilt der Heimerich der Nachkriegsjahre als "Repräsentant jener Gegenelite, die […] innerhalb der Verwaltungen dafür sorgte, dass sich die Beamtenschaft dauerhaft demokratisch orientierte". Wie in den vorherigen Lebensabschnitten Heimerichs auch, in denen er nicht Oberbürgermeister war, betreibt er fortan wieder eine Anwaltskanzlei. Er verstirbt am 5. Januar 1963 in Heidelberg.

Der Nachlass Prof. Dr. Hermann Heimerichs ist mit 166 Normalpaketen der umfassendste unseres Bestandes. In ihm finden sich eine Reihe persönlicher sowie politischer Dokumente und Korrespondenzen. Darüber hinaus beinhaltet er Mandantenakten aus der Antwaltspraxis.

 

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