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Nachlasswelten

schwarz-weiß Foto von einer Frau, die sich die Fotografien von Pitt Steiger im Rahmen einer Ausstellung im Jahr 1987 anschaut
Der kochende Fotograf oder der fotgrafierende Koch: das Leben von Pitt Steiger

Mag es auch in der Ludwigshafer Gartenstadt gewesen sein, so wurde 1928 eine echte Filsbacher Legende geboren: Über Jahrzehnte hinweg war der Pressefotograf Peter „Pitt“ Steiger weder aus der westlichen Unterstadt noch aus dem öffentlichen Leben Mannheims wegzudenken.

Absehbar war das keineswegs: Seine berufliche Laufbahn begann er mit einer Ausbildung zum Flachdrucker. Mit 17 schließlich wurde er zur Kriegsmarine eingezogen und überstand den Zweiten Weltkrieg als einer der jüngsten Soldaten der U-Boot-Waffe.

Aus französischer Kriegsgefangenschaft an die Neckarmündung heimgekehrt, konnte Steiger sich schnell als Fotograf in der damals noch vielfältigeren Presselandschaft etablieren. Wie er zur Fotografie fand, ist nicht überliefert – dass er sein Handwerk beherrschte, steht angesichts der überlieferten Fotos außer Frage. In Schwierigkeiten geriet er gleich zu Beginn seiner Tätigkeit, als er 1950 in Straßburg bei einem Rechercheauftrag verhaftet wurde: Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft hatte er die Auflage ignoriert, in einem Bergwerk zu arbeiten und war eigenmächtig nach Deutschland zurückgekehrt. Nach drei Monaten kam Steiger frei und konnte seine Arbeit wiederaufnehmen.

Zugute kam ihm dabei seine gesellige Art und ein stets herzlicher Umgang sowohl mit den Menschen vor dem Objektiv als auch mit den Kolleginnen und Kollegen, die neben ihm ihre Notizbücher füllten.

Abgehoben: Sichtlich vergnügt inspiziert Mannheims Erster Bürgermeister Jakob Trumpfheller 1958 die Fahrgeschäfte des Maimarkts

Die gestandene Lokalredakteurin Anneliese Donner erinnerte sich später, wie sie einst als Anfängerin versucht hatte, den ersten gemeinsamen Auftrag mit dem Fotografen zu besprechen: Ihrem zaghaften "Also, Herr Steiger…" fiel dieser sogleich ins Wort, mit einem Lächeln ebenso breit wie sein Kurpfälzisch: "Mädel, mach dir net ins Hemd, ich bin der Pitt, un wem ghersch du?" Auch zu 'Konkurrenten' wie Heinz Bohnert und Walter Neusch pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis. Auf dem Gebiet, das man heute als 'Networking' bezeichnen würde, war Steiger mithin ein Naturtalent. So organisierte er einen regelmäßigen Presseclub, um mit Journalistinnen und Journalisten von Blättern verschiedenster Ausrichtung bei Speise und Trank aktuelle Themen zu diskutieren und Neuigkeiten auszutauschen.

Gutes Essen spielte eine immer größere Rolle für den lebhaften Fotografen, dem eine einzige Leidenschaft augenscheinlich nicht genügte: Stets passionierter Hobbykoch, bewirtete er schon in seinem Fotostudio in S 3 klamme Neulinge der Zeitungsbranche ab und an mit kostenloser Stärkung. In den 1960er Jahren übernahm er zunächst ein Café und eine Pizzeria, schließlich die Gaststätte "Stadt Nürnberg" in H 7, 8. Schon bald war die Wirtschaft "beim Pitt" eine feste Institution und ein beliebter Treffpunkt vieler Gesichter aus Journalismus, Kunstszene und Politik: Von der Stadtspitze bis hin zu alternativen Kreisen fanden sich alle bei ihm ein. Dass der Koch sich regelmäßig in die Runde gesellte, war im "Nürnberg" nahezu eine Selbstverständlichkeit.

Unscheinbar: Steigers Gaststätte "Stadt Nürnberg" 1975, von außen leicht zu übersehen, aber eine Institution der "Filsbach"

Darüber hinaus war Steiger 1965 Mitbegründer des Mannheimer "CC-Clubs kochender Männer", bei dessen Festessen regelmäßig auch prominente Gäste wie etwa Hans Reschke verköstigt wurden. Ab 1982 war Steiger gar als moderierender Wirt in der Regionalsendung "Alte Feuerwache" des Süddeutschen Rundfunks zu sehen.

Das Fotografieren trat dabei etwas in den Hintergrund: Steigers Mitarbeiterin Gudrun Keese, die ihr Handwerk als Auszubildende bei ihm erlernt hatte, nahm ihm die Arbeit in der Bildagentur zunehmend ab. Dem öffentlichen Leben und der Pressewelt blieb Steiger jedoch weiterhin eng verbunden – entsprechend groß war die Bestürzung seiner Weggefährtinnen und -gefährten, als er im Februar 1986 nach längerer Krankheit verstarb. In diesem Mai wäre er 96 Jahre alt geworden.

Richtungsweisend: Oberbürgermeister Hans Reschke 1963 als Schaffner beim Jubiläum der Oberrheinischen Eisenbahngesellschaft

Sein fotografisches Lebenswerk wurde von Gudrun Keese fortgeführt, welche die Agentur schließlich an ihren bis heute tätigen Neffen Thomas Tröster übergab. Ins MARCHIVUM fand das Fotoarchiv Keese/Steiger schließlich im Jahre 2010. Seither zählt es zusammen mit den Nachlässen Foto-Thomas sowie Bohnert & Neusch zum Kern der Bildsammlung: Insbesondere für die 1950er Jahre stellen Steigers Bilder neben dem Bestand Roden-Press die bildliche Hauptüberlieferung des Zeitgeschehens dar. Zwischen 1950 und 1996 spiegelt sich praktisch das gesamte öffentliche Leben Mannheims in den Fotografien wider.

Mag der Nachlass Keese/Steiger nun schon einige Jahre in unserem Hause sein, beschäftigen uns seine Digitalisierung und die Aufbereitung für selbstständige Recherchen durch Nutzerinnen und Nutzer bei insgesamt über 300.000 Negativen bis heute. Die ältesten davon, etwa 43.000 Aufnahmen mit einer Laufzeit von 1950 bis 1958, wurden bereits im vergangenen Jahr digitalisiert, umverpackt und kürzlich in der allgemein zugänglichen Recherchedatenbank des MARCHIVUM erfasst. Teilweise noch nicht mit modernerem Sicherheitsfilm fotografiert und bislang als Rollfilm gelagert, war dieser Teilbestand durch chemische Zersetzung und Brüche besonders zerfallsgefährdet. Somit ist nun eine wichtige Hürde genommen, die Leckerbissen des kochenden Fotografen – oder fotografierenden Kochs – auch für künftige Generationen zu erhalten.

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