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Nachlasswelten

Charlotte Hecht
Ein Koffer voller Kostbarkeiten - der Nachlass Hecht

Charlotte Hecht, die Enkelin von Helene und Felix Hecht, stirbt 1997 im Alter von 90 Jahren in München. In ihrem Besitz befinden sich leider nur noch wenige, dafür aber umso wertvollere Unterlagen ihrer Großeltern, die ab 1875 zu den wichtigen Mäzenen des Mannheimer Kulturlebens zählen. In einem unscheinbaren Koffer erreichen diese hochkarätigen Unterlagen, die mit Hilfe einer Spende der Heinrich-Vetter-Stiftung angekauft werden, 1998 das Mannheimer Stadtarchiv.

 

Der Koffer mit dem Nachlass

Seitdem verfügt das heutige MARCHIVUM über ca. 30 Originalbriefe des Münchner Malers Franz von Lenbach, der zwischen 1899 und 1903 in einem regen Austausch mit dem Ehepaar Hecht steht – unter anderem wegen der Porträts, die er von beiden malt und die erst vor wenigen Jahren den Weg zurück nach Mannheim in die Reiss-Engelhorn-Museen gefunden haben.

Franz von Lenbach vor dem von ihm gemalten Porträt von Helene Hecht, um 1900

Auch die engen Beziehungen zu Herzog Georg von Sachsen-Meiningen, für dessen Kinder der junge Felix Hecht als Hauslehrer tätig ist, und zu dem Komponisten Johannes Brahms, der bei seinen Mannheim-Aufenthalten in der Hecht’schen Villa in L 10, 1 zu übernachten pflegt, werden aus dem erhaltenen Nachlass deutlich.

Wer ist dieses Ehepaar, das weit über Mannheim hinaus so prominent vernetzt gewesen ist?
Felix Hecht wird am 21. November 1847 in Friedberg in Hessen geboren. 1865 legt er das Abitur in Frankfurt ab. Daran schließt sich ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Gießen, Heidelberg und Göttingen an, das er zunächst mit einer Promotion und dann mit einer Habilitation in Erlangen beendet. 1871 wird er mit dem Direktorenposten der neugegründeten Badischen Hypothekenbank in Mannheim betraut, daneben übt er noch eine Lehrtätigkeit an der Universität Heidelberg aus.

Felix Hecht, um 1900

1875 heiratet Felix Hecht Helene Bamberger aus Mainz. Sie ist am 19. August 1854 als Tochter des Bankiers Rudolf Bamberger und seiner Frau Bertha geb. Seligmann geboren und eine Nichte des bekannten nationalliberalen Politikers Ludwig Bamberger. Aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie stammend, erhält Helene die für Mädchen standesgemäße Erziehung: sie lernt Französisch und Italienisch und bekommt Klavierunterricht, der bei ihr auf besonders fruchtbaren Boden fällt.

Aus der Ehe mit Felix Hecht gehen vier Söhne hervor, von denen zwei bereits im Kleinkindalter sterben. Für den ältesten Sohn, Hans Paul Jacob (1876-1946), übernimmt Johannes Brahms die Patenschaft. Die bereits erwähnte Enkelin Charlotte (1907-1997) ist die Tochter des jüngeren Sohnes Rudolf Ludwig (1880-1959).

1888 bezieht die Familie die von Architekt Rudolf Tillessen (1857–1926) neu erbaute, bis heute erhaltene "Villa Helene" in L 10, 1, die damals noch ganz am Rande der Stadt in einem gerade erschlossenen Villenviertel liegt. Das Erdgeschoss mit Studio, Speise- und Musikzimmer wird zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt, in dem jeder gern gesehen und großartig bewirtet wird, der im Mannheimer und im überregionalen Kulturbetrieb Rang und Namen hat. Das Ehepaar ist auch wesentlich daran beteiligt, dass 1899 die "Hochschule für Musik", der Vorläufer der heutigen "Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst", gegründet wird.

Felix Hecht stirbt 1909 auf einer Reise nach Berlin im Zug. Für Helene Hecht wird das Leben danach schwieriger. Nach dem Ersten Weltkrieg muss sie nach und nach die Kunstschätze verkaufen, die sie zusammen mit ihrem Mann gesammelt hat, und Räume in ihrem Haus untervermieten, damit sie ihren Lebensunterhalt und den ihrer Enkel und Enkelinnen, die weitgehend bei ihr leben und von ihr erzogen und versorgt werden, bestreiten kann. Als Jüdin erlebt sie nach 1933 noch stärkere Beschränkungen und Diskriminierungen.

Im Alter von 86 Jahren wird Helene Hecht am 22. Oktober 1940 zusammen mit allen badischen und pfälzischen Juden nach Gurs deportiert und stirbt auf dem Transport, weil die Einnahme von Herz-Medikamenten, auf die sie angewiesen ist, während der Deportation nicht regelmäßig erfolgen kann.

Bis dahin hat ihre Enkelin Charlotte mit ihr in der Villa in Mannheim gewohnt. Charlotte entgeht der NS-Verfolgung, weil sie durch ihren schon lange in den USA lebenden Vater einen Sonderstatus genießt. Sie wird nach zweiwöchiger Polizeihaft im März 1942 in einem Kloster bei Liebenau am Bodensee interniert und steht bis Kriegsende unter dem Schutz des Roten Kreuzes.

Der Nachlass umfasst auch die Briefe, die Charlotte und ihre Eltern in den USA in dieser Zeit der Internierung miteinander wechseln können. Nach Kriegsende bemüht sich Charlotte Hecht um die Rückerstattung der Villa Helene, die 1940 verkauft werden musste und die heute eine psychiatrische Tagesklinik beherbergt. Und sie bewahrt alle Kostbarkeiten, die sie aus dem Haushalt ihrer Großeltern retten konnte, sorgfältig auf. Nur so können sie schließlich am Ende doch wieder nach Mannheim zurückkehren.

Hier ist zumindest Helene Hecht nicht völlig vergessen: Seit 2009 verleiht die Stadt Mannheim in zweijährigem Turnus einen nach ihr benannten Preis an Künstlerinnen, der mit 3.000 Euro dotiert ist. Und seit 2010 trägt eine Straße in der Neckarstadt Ost ihren Namen.

 

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