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Nachlasswelten

Zeichnung der Kauffmannsmühle
Amalie Kauffmann - Lebenserinnerungen einer erfolgreichen Unternehmerin

Eine für die Mannheimer Frauengeschichte besondere Frau ist zweifellos Amalie Kauffmann. Denn sie zieht nach dem Tod ihres Mannes nicht nur ihre sechs Kinder alleine groß, sondern saniert auch das Geschäft des Verstorbenen und legt mit ihrem florierenden Unternehmen den Grundstein für die spätere Kauffmannsmühle.

Über ihren Geburtstag gibt es unterschiedliche Angaben. Amalie Kauffmann wird laut Familienbogen und Taufeintrag des lutherischen Kirchenbuchs der Kirchengemeinde Mosbach am 9. März 1816 als Juliane Amalie Baunach in Mosbach geboren. In ihren Lebenserinnerungen, die sie vermutlich in ihren letzten Lebensjahren verfasst hat, nennt sie dagegen den 11. März als ihren Geburtstag. Auf ihre Lebenserinnerungen, die sich in ihrem Nachlass befinden, soll im Folgenden immer wieder Bezug genommen werden. Denn die Aufzeichnungen geben ein lebendiges Bild ihrer Kindheit, Jugend und der Ehejahre. Mit dem Jahr 1848 enden die Aufzeichnungen. Für die Zeit, in der sie als junge Witwe das Geschäft saniert und aufbaut, gibt es leider keine autobiographischen Berichte. Erst ab 1866 beginnen die Aufzeichnungen erneut. Allerdings schreibt sie wenig über ihr Leben, sondern in erster Linie über das Kriegsgeschehen und die wirtschaftliche Entwicklung.

Amalies Vater Bernhard Friedrich Baunach betreibt in Mosbach ein Handelsgeschäft für Landesprodukte und Spezereiwaren. Ihre Mutter Margarte ist seine zweite Ehefrau. Die Familie lebt in gutbürgerlichen Verhältnissen, und neben dem Handelsgeschäft besitzt die Familie das Haus "Lindenlaub" am Mosbacher Marktplatz. Amalies Vater ist Gemeinderat und Mitglied im evangelischen Kirchenrat. Im Elternhaus wird Bildung großgeschrieben. Amalie wird zu Hause unterrichtet, wobei sich der Unterricht auf die Fähigkeiten beschränkt, die man von einer zukünftigen, gutbürgerlichen Ehefrau erwartet.

"Der Vater beschäftigte sich sehr frühe mit mir, als ich vier Jahre war, konnte ich bereits lesen, mit sechs Jahren gut schreiben, da kam ich in die Schule. Der Vater bildete früh mein Gemüth und machte es für alles Gute empfänglich…" Als sie älter wurde "fing ein gründlicher Unterricht an. Ich musste viel lernen in Clavier, Französisch und Zeichnen; dabei bekam ich noch Nähstunden."

Jugendbildnis von Amalie Kauffmann

Mit 16 Jahren geht sie nach Heidelberg, um im Haushalt der Arztwitwe Frau Ottendorf zu leben, bei der viele Liberale der Vormärzzeit ein- und ausgehen. Zwei Jahre später kehrt sie ins Elternhaus zurück, wo ihre liberalen Ideen nicht gerne gesehen werden und sie mit Hausarbeit, Lektüre und Klavierspiel die Tage verbringt.

"Als ich ins Elternhaus zurückgekehrt war, brachte ich viel neue Ideen mit, die ich meinen Verhältnissen anpassen wollte; sie prallten aber an meines Vaters eigenen Sinn ab. … Ich stand früh auf, ging im Sommer von 5-6 Spazieren, frühstückte stets kalte Milch und ging dann an die Arbeit. Nach dem Essen zog ich mich bis um zwei Uhr auf mein Zimmer zurück, wo ich ein gutes Buch las und mich umkleidete. Dann nahm ich eine Handarbeit, ging in den Garten oder besuchte meine Bekannten; täglich nahm ich auch eine Clavierstunde. Abends hatte ich wieder zu kochen, um 7 Uhr wurde gespeist; dann gehörte die Zeit mir. Oft musizierte ich bis Mitternacht…"

Bei einer Rheinreise, die sie zusammen mit ihren Eltern unternimmt, lernt sie den Chemiker Eduard Kauffmann kennen. Kauffmann, ein gebürtiger Heidelberger, betreibt in Mannheim eine Drogeriehandlung. Nach seinem Chemiestudium war Kauffmann zunächst in Westfalen als Chemiker tätig, dann Verwalter einer Papiermühle in Schriesheim und schließlich Drogerist in Heidelberg.

"Eduard war ein sehr biederer vorzüglicher Charakter, der aber zu wenig Weltklugheit besaß…"

Amalies Eltern sind von Eduard Kauffmann angetan und drängen sie zur Eheschließung. Aus ihren Lebenserinnerungen geht hervor, dass sie selbst nicht sicher ist, ob sie die Ehe mit Kauffmann tatsächlich eingehen soll. Denn dieser heiratet sie vermutlich nicht aus Liebe, sondern zur Sanierung seiner bereits angeschlagenen Finanzen. Dennoch nimmt sie seinen Antrag an und folgt ihm 1839 nach Mannheim. In ihren Erinnerungen beschreibt sie ihr zunächst trauriges Eheleben. Besonders zu Beginn der Ehe zeigt Eduard sich ihr gegenüber sehr gefühlskalt, worunter sie sehr leidet. Laut ihren Aufzeichnungen wird ihr Verhältnis mit den Jahren besser. Zwischen 1841 und 1848 werden die gemeinsamen Kinder Bertha, Friedrich, Anna, Ludwig, Eduard und Julie geboren.

Amalie Kauffmann mit ihren Kindern

"Die Kälte und die Unfreundlichkeit meines Gatten wuchs mit jedem Tage und es war ganz unerträglich zu sehen, wie er mich ignorierte…. Ich beschloss in Geduld auszuharren und wenn mich mein Gatte nicht lieben könne, so solle er mich wenigsten achten lernen…Bald empfing ich dann auch ein Lächeln, dann ein freundliches Wort und sein Zutrauen wuchs mit jedem Tage, dieses war Balsam auf mein wundes Herz und nach und nach erstarkte ich wieder und die schlimme Wunde vernarbte."

Amalies Aufzeichnungen kann man entnehmen, dass sich ihr Mann stark in der Mannheimer Freimaurerloge engagiert. Sein Geschäft läuft schlecht, und er verschuldet sich. 1845 müssen sie aus ihrem großbürgerlichen Haus ausziehen und sich eine kleinere Wohnung nehmen. Schließlich verständigt sich Amalie mit den Gläubigern ihres Mannes und begleicht einen Teil der Schulden mit Teilen ihrer Mitgift.

"… somit bot ich den Gläubigern 20 Prozente und fand mich mit ihnen ab."

Im Folgenden beginnt ihr Mann einen Handel mit Materialien, Farben und Spezereiwaren - einen Handelszweig, den Amalie aus ihrem Elternhaus kennt. Doch die durch die Revolution 1848 ausgelöste Wirtschaftskrise hat negative Auswirkungen auf das Geschäft. 1849 steht es erneut kurz vor dem Konkurs.

"… alle Geschäfte stockten, alles Gewerbe lag darnieder. Die Lebensmittel waren sehr theuer geworden und jegliches Vertrauen war gewichen. Es war eine Zeit der Angst und der Noth…"

Eduard will in die Vereinigten Staaten auswandern, aber er stirbt, als sein Auswandererschiff in der Themsemündung sinkt. Amalie wird mit 33 Jahren Witwe, ihre Kinder sind zwischen sechs Monaten und siebeneinhalb Jahren alt. Amalie zieht nicht nur die Kinder alleine groß, sondern kurbelt auch das Geschäft ihres Mannes wieder an und baut es zu einer Großhandlung für Hülsenfrüchte und Mühlenfabrikate aus. Die Großhandlung floriert und wird mit der Zeit um weitere Produkte erweitert. Als sie am 18. Oktober 1869 im Alter von 53 Jahren stirbt, hat sie den Grundstein für ein erfolgreiches Familienunternehmen gelegt.

Bereits zwei Jahre vor ihrem Tod übernehmen ihre drei Söhne das Geschäft und gründen eine Großhandlung für Hülsenfrüchte, Reis und Dörrobst, die sie in Gedenken an ihren Vater "Eduard Kauffmann Söhne" nennen. Aus dieser Großhandlung geht der erste Dampfgroßmühlenbetrieb Mannheims hervor. 1882 wird die Kauffmannsmühle im Jungbusch errichtet.

Kauffmannsmühle

Der Nachlass Amalies setzt sich aus zwei unterschiedlichen Provenienzen zusammen. Ein Teil der Unterlagen wird in den Jahren 1998/1999 von Herrn Erich Kauffmann dem Archiv überlassen. Der andere Teil wird bei Ordnungsarbeiten im Archiv entdeckt. Wann und wie er ins Haus kam, ist nicht bekannt. Der Nachlass umfasst Schriftgut, Fotografien und Literatur. Von besonderem Interesse sind die Unterlagen über den Familienzweig der Gründer der "Ersten Mannheimer Dampfmühle Eduard Kauffmann Söhne GmbH".

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