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NS-Zeit

Blick in die Ausstellung "Kulturbolschewistische Bilder" in Mannheim, 1933
Die Ausstellung "Kulturbolschewistische Bilder" 1933 in der Kunsthalle Mannheim: Auftakt zur Diffamierung moderner Kunst

In den 1920er Jahren hatte es von reaktionärer Seite immer wieder Angriffe auf die moderne Sammlungspolitik des Direktors der Kunsthalle Mannheim Gustav Friedrich Hartlaub gegeben. Nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten im Jahr 1933 gipfelten diese Attacken nicht nur in der Diffamierung der von Hartlaub und seinem Amtsvorgänger Fritz Wichert angekauften Kunst, sondern auch in Hartlaubs unverzüglicher Entlassung.

Die kommissarische Leitung der Kunsthalle übernahm als "Hilfsreferent" im April 1933 Otto Gebele von Waldstein, ein "alter Kämpfer" und der kulturpolitische Sprecher der NSDAP in Mannheim, von Beruf Telegrafensekretär. Er hatte schon im Vorfeld im Hakenkreuzbanner mehrfach gegen Hartlaub polemisiert.

Kaum im Amt präsentierte Gebele von Waldstein vom 4. April bis zum 5. Juni 1933 in der Kunsthalle unter dem Titel "Kulturbolschewistische Bilder" eine Schau, mit der er die "Unfähigkeit" der Museumsleitung bloßstellen und deren verantwortungslosen Umgang mit Budgetmitteln sowie die angebliche Abhängigkeit von jüdischen Kunsthändlern beweisen wollte. Unterstützung erfuhr er von drei "Sachverständigen": dem Kunsthistoriker Josef August Beringer, dem Mannheimer Maler Karl Stohner und dem späteren Leiter des Mannheimer Schlossmuseums Gustaf Jacob.

Blick in den Ausstellungsraum, 1933 © Kunsthalle Mannheim, Kurt Schneyer

Gezeigt wurden in der Schau 64 Gemälde, zwei Plastiken und diverse Grafiken von Künstlern wie Alexander Archipenko, Max Beckmann, Marc Chagall, Otto Dix, Xaver Fuhr, George Grosz, Karl Hofer, Alexej von Jawlensky, Paul Klee, Franz Marc und Emil Nolde. Die Bilder, Meisterwerke der modernen Malerei aus der Sammlung der Kunsthalle, wurden in entwürdigender Weise ohne Rahmen präsentiert, gruppiert ohne jeglichen inhaltlichen Zusammenhalt, in dichter Hängung und versehen mit Preisschildern, die die "ungeheuren" Summen skandalisierten, welche für diese "minderwertige Kunst" ausgegeben worden waren. Als Kontrast wurde ein so genanntes Musterkabinett eingerichtet, das vorbildliche – hier nun gerahmte – Werke von Mannheimer Künstlern vorstellte.

Blick in den Ausstellungsraum, 1933 © Kunsthalle Mannheim, Kurt Schneyer

Trotz vereinzelter kritischer Gegenstimmen, etwa von Seiten Edmund Strübings, des langjährigen Kustos und Mitarbeiters von Hartlaub an der Kunsthalle, wurde die tendenziöse Schau mit 20.141 Besuchern ein Publikums-Erfolg. Die Ausstellung schlug, so Gebele von Waldstein, derart ein, "daß die Stadt München, Bamberg, Erlangen, Frankfurt (Main), Köln usw. die Ausstellung […] anforderten". Tatsächlich wurden Teile der Ausstellung vom 25. Juni bis 12. Juli 1933 im Kunstverein München unter dem Titel "Mannheimer Galerieankäufe" gezeigt. Vom 23. Juli bis 13. August 1933 war die Schau unter dem Titel "Mannheimer Schreckenskammer" im Kunstverein Erlangen zu sehen. Hier nun wurden den Kunstwerken in diffamierender Absicht authentische Arbeiten von psychisch Kranken gegenübergestellt.

Mit Ausnahme von elf Werken waren die Bilder aus der Mannheimer Sammlung von den Beschlagnahmeaktionen betroffen, die die nationalsozialistischen Machthaber bei einer zentralen Aktion im Juli und August 1937 in der Kunsthalle durchführten. Einige dieser Werke waren 1937 auch in der Ausstellung "Entartete Kunst" in München zu sehen, in der die den Nationalsozialisten unliebsame Kunst erneut und nachhaltig öffentlich an den Pranger gestellt wurde.

Auch wenn die Ausstellung "Kulturbolschewistische Bilder" wohl hauptsächlich auf die persönliche Initiative von Gebele von Waldstein zurückging, nahm Mannheim damit eine traurige Vorreiterrolle im Kampf gegen die moderne Kunst ein. Anfang 1933 konnte auf kulturellem Sektor noch nicht von einer gesamtstrategischen "Gleichschaltung" die Rede sein, und so wurde die Mannheimer Schau quasi zum Prototyp für die vier Jahre später durchgeführte Femeschau "Entartete Kunst" in München.

Gebele von Waldsteins Aktivitäten blieben jedoch auf die unheilvolle Ausstellung von 1933 beschränkt. Seine kommissarische Tätigkeit endete – wie die der anderen städtischen "Hilfsreferenten" – bereits Ende Mai dieses Jahres. Bis 1936 Walter Passarge die Leitung der Kunsthalle übernahm, führte Strübing als stellvertretender Direktor die Geschäfte. Beide versuchten mehr oder weniger erfolgreich, der zentral organisierten Bevormundung und diktatorischen Steuerung der Museen durch die Nationalsozialisten zu entgehen.

 

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