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NS-Zeit

Planken mit Beflaggung der Nationalsozialisten
"Wider den undeutschen Geist" - Mannheimer Künstler im Exil

"Hochauf loderte der Scheiterhaufen" – enthusiastisch feierte die Neue Mannheimer Zeitung vom 20. Mai 1933 die öffentliche Bücherverbrennung vom Vortag hinter der Hauptfeuerwache, mit der auch in Mannheim dokumentiert wurde, was von nun an als entartet und damit als nicht länger existent zu gelten hatte.

Kunst im Sinne des Nationalsozialismus wurde nur akzeptiert zwischen den Antipoden heroisierender Klassizismus und Unterhaltungskunst ohne kritische Untertöne – ein diametraler Gegensatz zum liberalen und vielseitigen Kunstbetrieb der Weimarer Zeit.

Artikel über die Mannheimer Bücherverbrennung in der Neuen Mannheimer Zeitung vom 20. Mai 1933

Nach wirtschaftlicher Konsolidierung durch die Einführung der Reichsmark 1924 und die Bestimmungen des Dawes-Plans sowie aufgrund eines neuen Selbstbewusstseins der vormals als Proletariat verachteten Arbeiterschicht war die Kunst der Goldenen Zwanziger nicht länger Hoheitsgebiet der oberen Klassen. Sie erreichte als Gebrauchskunst – nicht zuletzt über die neuen Medien Rundfunk und Film – ein breiteres Publikum. Befreit von den engen Konventionen und der puristischen Kunstauffassung der Kaiserzeit erlebten, häufig subsumiert unter dem Schlagwort "Neue Sachlichkeit", zahlreiche Ausdrucksformen ihre Blütezeit. Kulturhochburg war unzweifelhaft Berlin mit unterschiedlichsten Bühnenbetrieben. Aber auch über die Metropole hinaus traten Theater, Kabarett und Revue ihren Siegeszug an. In diesem freigeistigen Umfeld begann auch die Karriere von vier jüdischen Künstlern aus Mannheim, die in der Sprache die Waffe des intellektuellen Bühnenkünstlers mit politischer Botschaft sahen.

In diesem Sinne gab Moritz Lederer zunächst von 1919 bis 1923 die sozialistische Zeitschrift "Der Revolutionär" in Mannheim heraus. Nach Kontakten zum ehemaligen Intendanten des Nationaltheaters Carl Hagemann orientierte er sich zur Bühne. 1926 zog es ihn nach Berlin, um die dortige Organisation des Reibaro, eine Organisationseinheit der drei bekannten Theaterbetriebe von Max Reinhardt, Victor Banowsky und Eugen Robert zu übernehmen. Nachdem er 1933 in Schutzhaft genommen worden war, konnte Lederer zunächst nach Paris entkommen, fühlte sich dort aber vom aktuellen politischen und kulturellen Geschehen abgeschnitten. Er kehrte zurück nach Deutschland und war von 1934 bis 1936 mehr oder weniger anonym für den Jüdischen Kulturbund tätig. Lederer überlebte die NS-Zeit als Illegaler in Frankreich und starb 1971 in Meersburg am Bodensee.

Moritz Lederer als Soldat, 1917

Hatte der junge Paul Nikolaus, der 1894 unter dem Namen Paul Steiner geboren wurde und zeitweise Lederers Mitstreiter beim Revolutionär gewesen war, bei seinem Debüt im Mannheimer Apollo-Theater noch zu befürchten, vom Publikum mit faulen Apfelsinen beworfen zu werden – eine damals durchaus übliche Reaktion – so stieg er bei Karl Robitscheks Kabarett der Komiker bald zum bekannten, scharfzüngigen Starconférencier auf. Mit Hitlers Machtübernahme sah Nikolaus – so sein Freund Lederer in einem Nachruf – in der harmlos scheinenden Maske des Spießbürgers das herabgelassene Visier des lauernden Landsknechts. 1933 emigrierte er resigniert nach Zürich. Der Druck der beruflichen Isolation und des unfreiwilligen intellektuellen Maulkorbs wurde jedoch zu groß. Nikolaus wählte noch im selben Jahr den Freitod. Im Abschiedsbrief an seine Freunde schrieb er: "[…] in Berlin kann ich künftig nicht leben, ohne Berlin kann ich auch nicht leben, – also gehe ich […]".

Nach Studien bei Schauspieler Paul Tietsch und an der Berliner Reinhardt-Schule debütierte Alice Droller unter dem Künstlernamen Alice Dorell in der Spielzeit 1925/26 am Nationaltheater, verspürte aber schon bald ihre Berufung zum Kabarett. Jedoch erst im niederländischen Exil ab 1933 gelang ihr mit dem Dorell’s Drie Dames-Cabaret, der ersten niederländischen Truppe, die nur aus Frauen bestand, der künstlerische Durchbruch. Noch bis Anfang der 1940er Jahre war Dorell mit verschiedenen Ensembles in den Niederlanden erfolgreich. Den Nationalsozialisten konnte sie jedoch nicht entkommen. Mit einem der ersten Transporte von Westerbork nach Auschwitz wurde sie deportiert und kam dort im September 1942 im Alter von 35 Jahren ums Leben.

Alice Dorell, 1932

Im Gegensatz zu Dorell ist Fritz Hirsch nicht unbedingt als Emigrant zu bezeichnen. Ihn zog es schon als Jugendlichen von seinem erlernten Handwerk als Bäcker hin zur Operette. Er wurde bereits Mitte der 1920er Jahre vom Impresario Hugo Helm engagiert, mit dem ihn eine fünfzehnjährige Zusammenarbeit am Stammhaus der Truppe, der Princesse-Schouwburg in Den Haag, verbinden sollte. Das schwungvoll inszenierte Programm seiner Fritz-Hirsch-Operette mit einer Mischung aus Humor und Romantik wurde schon bald begeistert gefeiert. Obwohl er in den Niederlanden auch zusammen mit seiner Familie seinen privaten Lebensmittelpunkt gefunden hatte, ging er 1932 wegen neuer beruflicher Herausforderungen nach Berlin zurück. Nach nur einer Spielzeit als Direktor des Schiller-Theaters musste er jedoch vor den Repressalien der Nationalsozialisten zurück nach Holland fliehen. Trotz Besitz der niederländischen Staatsbürgerschaft wurde Hirsch 1942 ins KZ Mauthausen verschleppt und umgebracht.

 

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