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NS-Zeit

Albert Speer vor dem IMT
Geburtsort einer Legende. Albert Speers Auftritt vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg

Vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg musste sich Albert Speer ab dem 20. November 1945 als "Hauptkriegsverbrecher" verantworten. Die Alliierten legten dem ehemaligen Rüstungsminister alle vier Anklagepunkt zur Last: Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Wie alle anderen 20 Mitangeklagten bekannte sich Speer gegenüber dem Gericht als nicht schuldig. Bereits in den ersten Vernehmungen im Mai 1945 präsentierte sich Speer zur Überraschung der Alliierten auskunftsfreudig und kooperativ. Bereitwillig berichtete er amerikanischen und britischen Offizieren über die Organisation der deutschen Kriegswirtschaft. Er stilisierte sich dabei als ideologieferner Manager, einzig dem Erfolg einer maximalen Rüstungsproduktion verpflichtet. Damit probte er zugleich seine Rolle vor dem Internationalen Militärtribunal.

Lieblingsangeklagter der Alliierten

Mit seinem bürgerlichen Habitus und seiner Kooperationsbereitschaft setzte Speer sich bewusst von den Mitangeklagten ab. Weder stellte er die Legitimität des internationalen Gerichts in Frage, das erstmals führende Staatsvertreter und Offiziere wegen völkerrechtlicher Verstöße anklagte, noch lehnte er jegliche Verantwortung für die Vorkommnisse in seinem Ressort ab:

"Dieser Krieg hat eine unvorstellbare Katastrophe über das deutsche Volk gebracht und eine Weltkatastrophe ausgelöst. Es ist daher meine selbstverständliche Pflicht, für dieses Unglück nun auch vor dem deutschen Volk mit einzustehen. Ich habe diese Pflicht um so mehr, als sich der Regierungschef der Verantwortung vor dem deutschen Volk und der Welt entzogen hat. Ich als ein wichtiges Mitglied der Führung des Reiches trage daher mit an der Gesamtverantwortung von 1942 ab."

Geschickt demonstrierte Speer damit Selbstkritik und Distanz zum NS-Regime und dessen Verbrechen.

Albert Speer auf der Anklagebank des Internationalen Militärtribunals in Nürnberg, 1945/46, © National Archives Washington

Da er erst spät in den Zeugenstand gerufen wurde, war Speer bereits mit der Prozessordnung vertraut, die sich an dem anglo-amerikanischen Rechtssystem orientierte. Demnach konnten die Angeklagten als Zeugen in eigener Sache aussagen. Die Vernehmung Speers durch dessen Anwalt Dr. Hans Flächsner begann am 19. Juni 1946. Speer nutzte sie, um sich vor dem Gericht als Architekt zu präsentieren.

Die Monumentalbauten in Nürnberg und Berlin, die mehrheitlich nicht über die Planungen hinausgingen, bezeichnete er als "repräsentative Friedensbauten". Dass dafür auf sein Betreiben Konzentrationslager in der Nähe von Steinbrüchen errichtet wurden, in denen Häftlinge Baumaterialien gewinnen mussten, verschwieg Speer. Mit der Behauptung, sein Bauprogramm sei "psychologisch eine Behinderung der Aufrüstung" gewesen, versuchte er, die Anklage zu entkräften, einen Angriffskrieg mitgeplant zu haben.

Albert Speer im Zeugenstand des Internationalen Militärtribunals in Nürnberg, 1946, © National Archives Washington

Konzentrationslager als "unangenehme Angelegenheit"

Für das Gericht am relevantesten war Speers Tätigkeit als Rüstungsminister. Seine Berufung ins Amt 1942 schilderte er als einen Zufall. Nicht als Fachmann, sondern vielmehr als fähiger Organisator habe er die Kriegswirtschaft umgestaltet und bis Ende 1944 zu immer neuen Höchstleistungen geführt. Dass Millionen ziviler Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge dabei eingesetzt wurden, war durch Dokumente hinreichend belegt. Die Verantwortung für die Deportationen sowie für die Lebens- und Arbeitsbedingungen wies Speer anderen zu wie dem Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel oder der SS.

Für die Errichtung von KZ-Außenlagern und Produktionsstätten in Stollen und Kavernen war Speer mitverantwortlich. In Mittelbau-Dora und Ebensee starben zehntausende KZ-Häftlinge an Hunger, Seuchen, Arbeitsunfällen oder der Gewalt der Aufseher. Vor Gericht beschrieb Speer die Zustände in den Untertagebetrieben als vorbildlich. Die Konzentrationslager seien zwar "eine unangenehme Angelegenheit" gewesen, doch von Grausamkeiten hätte er nichts gewusst und bei den Inspektionen vor Ort nichts bemerkt, beteuerte er gegenüber dem amerikanischen Richter Francis Biddle.

Sehr viel ausführlicher als über Konzentrationslager oder Zwangsarbeit sprach Speer in der Vernehmung durch seinen Anwalt über seine Obstruktion der Vernichtungsbefehle Hitlers in den letzten Kriegsmonaten. Die Stilisierung zum Widerständler gipfelte in Entführungs- und Attentatsplänen auf Hitler und dessen Entourage. Belege oder Zeugen dafür konnte er nicht angeben, doch beeindruckten die Schilderungen Prozessbeteiligte und -beobachter nachhaltig.

"Das wahre Gesicht des Angeklagten Speer"

Aber nicht alle überzeugten seine Fabeln. "Speer stellt es so dar, als ob ihm der Ministerposten von Hitler aufgedrängt worden sei. Er sei zwar ein intimer Freund Hitlers gewesen, habe jedoch nichts von dessen Plänen gewußt. Er sei 14 Jahre lang Parteigenosse gewesen, habe jedoch der Politik ferngestanden", fasste der sowjetische Ankläger Roman Rudenko in seinem Schlussplädoyer Speers Auftritt zusammen.

Albert Speer (hinten) im Gespräch mit seinem Anwalt Dr. Hans Flächsner und einem Mitarbeiter, 1945/46, © National Archives Washington

Anders als die Mitangeklagten beteuerte Speer in seinem Schlusswort nicht seine Unschuld oder sein Unwissen. Vielmehr räsonierte er allgemein über die Gefahren der Diktatur im Zeitalter der modernen Technik, über einen drohenden Atomkrieg und die damit einhergehende "Vernichtung menschlicher Kultur und Zivilisation". Über seine eigene Rolle im NS-Staat verlor er kein Wort.

Die Verteidigungsstrategie mit dem allgemeinen Bekenntnis zur Verantwortung und einer vermeintlich inneren Distanz zum Nationalsozialismus sollte erfolgreich sein: Forderten zunächst noch zwei der vier alliierten Richter das Todesurteil für Speer, so änderte Francis Biddle schließlich seine Meinung. Das Internationale Militärtribunal verurteilte Speer am 1. Oktober 1946 wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Gefängnis.

Albert Speer (hintere Reihe, zweiter von links) auf der Anklagebank des Internationalen Militärtribunals in Nürnberg, 1945/46, © National Archives Washington

Die Erzählungen und Rechtfertigungen, die er 1945/46 im Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizpalastes vortrug, bildeten die Grundlage für Speers spätere Karriere als gefragter Zeitzeuge des "Dritten Reichs". In seinen Publikationen und zahlreichen Interviews sollte er die Legende vom unpolitischen Technokraten und Manager ausformulieren und verbreiten.

Zum Filmausschnitt "Albert Speer vor dem Internationalen Militärtribunal"

 

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