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Stadtgeschichte

Ausschnitt aus der Collage "Mannheim N 1" von Norbert Nüssle
Mannheim N 1 - die große Platz-Collage von Norbert Nüssle

Urbane Situationen, Plätze, Straßen und deren Darstellung haben Norbert Nüssle (1932 – 2012) schon immer fasziniert und werden zu Beginn der 1980er Jahre ein zentrales Thema in seiner Arbeit. Die Mannheimer Plätze, die er mit seinen Arbeiten festhält, sind eine Dokumentation ganz besonderer Art und halten sehr authentisch ein Stück Mannheimer Stadtgeschichte fest.

Für Nüssle waren Plätze ein wichtiges architektonisches Element innerhalb der Stadt. Plätze lassen eine Stadt atmen, und vor allem können sich die Menschen auf den Plätzen begegnen. Daher war er immer besonders traurig, wenn er durch die Zeitung erfuhr, dass wieder ein Platz in Mannheim bebaut werden sollte. Er hat sich häufig bei den Architekten um Zugang zu den Baustellen bemüht, ist mit seinem Auto dorthin gefahren und hat das Objekt erst einmal geduldig zur Kenntnis genommen, indem er vor Ort Zeichnungen und Skizzen angefertigte.

Norbert Nüssle auf D 3, 1984, Foto: privat

Daneben hat er Fundstücke – Papiere, die auf dem Platz lagen – gesammelt. Wobei man hier sagen muss, dass nicht nur die Fundstücke, die er direkt am Platz gefunden hat, in die Arbeit aufgenommen wurden, sondern auch solche, die er an anderen Orten sammelte. In seinem Kofferraum hatte er immer eine Box aus seinem Atelier mit dabei, gefüllt mit Etiketten, Eintrittskarten und anderen Papieren.

Mannheim N 1, 1990, Foto: Künstlernachlässe Mannheim

Die Arbeit „Mannheim N 1“ von 1990 ist eine sehr große Platz-Collage (223 x 272 cm) und hängt heute im Ratssaal im Stadthaus Mannheim in N 1. In dieser großen Momentaufnahme hält Norbert Nüssle das Quadrat an der Südseite des Paradeplatzes fest. Das Quadrat N 1 mit dem Alten Kaufhaus, das seit 1909 als Rathaus genutzt wurde, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Es wird 1943 bei einem Bombenangriff zerstört.

Altes Kaufhaus, Mai 1946

Gleich nach Kriegsende setzte die Diskussion um den Wiederaufbau ein. In den Jahren 1949 bis 1958 entsteht das HADEFA (Haus der Fachgeschäfte). An der Breiten Straße wurden die Reste der Arkaden entfernt. Die barocken Arkaden im linken Flügel wurden zu rundbogigen Schaufenstern umgebaut. Das Gebäude beherbergte nun die Kaufhausläden sowie ein Café und eine Gaststätte.

Dennoch wurde 1961 ein städtischer Architekturwettbewerb für das Grundstück ausgeschrieben. Ausgezeichnet wurde der Entwurf des Architekten Roland Ostertag, dessen Entwurf die restlose Vernichtung aller historischen Bauteile sowie des Grupello-Brunnens auf dem Paradeplatz vorsah.

Modell für N 1 von Roland Ostertag

Das teilweise wiederaufgebaute Bauwerk und auch der Turm, der bis dahin vom Alten Kaufhaus noch stand, wurde für das Projekt 1965 abgebrochen. 1967 erfolgte jedoch aus finanziellen Gründen ein Baustopp. N 1, das attraktivste Grundstück in der Mannheimer City, verkümmerte zu einem Parkplatz, bis von 1987 bis 1991 das heutige Stadthaus realisiert wurde.

Anhand der Arbeit "Mannheim N 1", kann man sehr gut erkennen, wie topografisch exakt Norbert Nüssle gearbeitet hat. Ein sehr gutes Beispiel ist der Blick auf die Jesuitenkirche: Heute ist sie noch genauso zu sehen, wenn man aus dem Stadthaus heraus schaut, oder auch das Parkhaus und das Dalberghaus. Sehr interessant übrigens, dass der Künstler seine Arbeit um den Platz vor der Musikbücherei erweitert hat.

Ausschnitt aus N1 mit Blick heute, Foto: S. Grössl

Diese realistische Verzeichnung der Gebäude war für Nüssle bei der Bildgestaltung nicht ganz einfach. Das sieht man gut an den Schwarz-Weiß-Fotos, die er zum Beispiel für Gebäude und deren Fenster verwendet. Diese Fotos hat Nüssle vor Ort selbst angefertigt. Das Problem, dass die Gebäude beim Fotografieren von unten nach oben nicht aussehen, als würden sie nach hinten stürzen, ist er umgangen, indem er von einem anderen Standort aus fotografiert und die späteren Fotos dann um 180 Grad gedreht auf die Collage eingeklebt hat: Die Fenster, die man auf Mannheim N 1 sieht, stehen eigentlich kopfüber.

Die Platz-Collagen und ihre collagierten Fundstücke wirken auf den Betrachter, als ob Nüssle nach dem Zufallsprinzip gearbeitet hat. Es scheint schon ein gewisses Chaos in der Arbeit vorhanden zu sein. Aber es steckt ein klares Konzept dahinter. Der Künstler hatte stets eine Vision des fertigen Platzes im Kopf. Auch wenn er immer vor Ort arbeitete, erst in seinem Atelier in B 7 entstand die fertige Arbeit. Dort testete er die Originalität seiner Montage und verbesserte die Komposition. Teilweise wurden seine Arbeiten auch um weitere Collage-Flächen erweitert, quasi angebaut. Diese Arbeitsprozesse haben oft Jahre gedauert.

Norbert Nüssle arbeitet in seinem Atelier in B 7 an "N 1", Foto: privat

Aber lassen wir unten Norbert Nüssle noch einmal selbst zu Wort kommen, wir haben einen Film-Ausschnitt von 1987 mitgebracht. Sie stammen aus einer Film-Dokumentation von Georg Kühn, der den Künstler bei seiner Arbeit auf N 1 begleitet hat. Hier sieht man auch nochmals sehr schön, wie diese Collagen vor Ort entstehen.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, der von den Künstlernachlässen Mannheim im Juli 2021 im MARCHIVUM gehalten wurde.

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