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Stadtgeschichte

Zwei Männer gehobenen Alters sitzen vor einer Frau und zwei Männern im gleichen Alter. Die Herrschaften haben Getränke in der Hand. Sie sind von links: DGB-Vorsitzender Heinz-Oskar Vetter (1917-1990), SPD-Vorsitzender Willy Brandt (1913-1992); stehend von links: Maria Braun (DGB Mannheim), Fritz Karg, Erster Bürgermeister Manfred David (SPD)
„Schulter an Schulter“: Das „Mannheimer Abkommen“ 1906

Nach Aufhebung des sogenannten Sozialistengesetzes kam es im November 1890 mit der Bildung der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands zu einem ersten organisatorischen Zusammenschluss der sozialistisch orientierten Gewerkschaften unter dem Vorsitz von Karl Legien, deren Mitgliederzahl in den folgenden Jahren rasant anstieg.

In Mannheim beispielsweise wuchs ihre Zahl von 1.800 im Jahr 1893 auf über 12.500 im Jahr 1906, davon waren etwa 5.300 Metallarbeiter. Das 1899 vom hiesigen Gewerkschaftskartell als Auskunfts- und Beratungsstelle gegründete Arbeitersekretariat, das auch Nichtorganisierten offen stand, wurde 1905 von 8.349 Personen in Anspruch genommen. Parallel dazu kam es zunehmend zu Wahlerfolgen der Sozialdemokratie. Obwohl durch das Dreiklassenwahlrecht eingeschränkt, waren in Mannheim steigende Stimmenzahlen bei Landtags- wie bei Kommunalwahlen zu verzeichnen.


Portrait von August Dreesbach, erschienen 1906. MARCHIVUM.

August Dreesbach, der führende Kopf der Mannheimer Sozialdemokraten, war es, der 1896 für Baden das erste Kommunalprogramm entwarf. So kann es als Symbol für die zunehmende Bedeutung der Arbeiterbewegung gewertet werden, dass die SPD die Eröffnungsveranstaltung ihres Parteitags am 23. September 1906 im voll besetzten Nibelungensaal des Rosengartens, gleichsam in der „guten Stube“ des Mannheimer Bürgertums, abhalten konnte. Im weiteren Tagungsverlauf indes hatten die Sozialdemokraten mit zahlreichen Schikanen zu kämpfen. So mussten die Delegierten bereits am folgenden Tag in das Apollo-Theater im Quadrat G 6,3 ausweichen, da der Rosengarten angeblich für die großherzoglichen Jubiläumsfeierlichkeiten benötigt wurde. Auch untersagte das Reichspostamt in Berlin in letzter Minute die Einrichtung der für derartige Kongresse üblichen Postanstalt im Tagungslokal.


Das Apollo-Theater war zu eng für den richtungsweisenden Parteitag der SPD. MARCHIVUM.

Vor allem die beengten Platzverhältnisse im Apollo-Theater veranlassten das Lokalkomitee der Sozialdemokraten, erneut mit der Stadt Mannheim in Verhandlungen zu treten, um die Freigabe des Rosengartens zu erwirken. In einer eigens einberufenen Sitzung erteilte der Stadtrat am späten Nachmittag des 24. September die Genehmigung, ab dem 26. September den Parteitag der SPD wieder in den Nibelungensaal zu verlegen.

Für die Lösung der inhaltlichen Konflikte war der Mannheimer Parteitag von entscheidender Bedeutung. Bereits in seinem Vorfeld war es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen SPD und Freien Gewerkschaften über Massenstreiks gekommen, hatten doch die Gewerkschaften auf ihrem Kölner Kongress 1905 diese als politisches Mittel abgelehnt. Dagegen bestand im gleichen Jahr die SPD auf dem Jenaer Parteitag auf solchen Streiks zur Erkämpfung elementarer politischer Rechte wie des allgemeinen Wahlrechts. Vom Mannheimer Parteitag erwarteten deshalb vor allem die Gewerkschaften eine endgültige Entscheidung über die künftige Zusammenarbeit mit der Partei sowie über die Arbeitsteilung zwischen den beiden Organisationen.


August Bebel bei der Frauenkonferenz des SPD-Parteitags in Mannheim, 1906. MARCHIVUM.

Diese Diskussion bildete dann auch den Schwerpunkt der Versammlung. Bereits die Eingangsreferate der Vorsitzenden von SPD und Gewerkschaften, August Bebel und Karl Legien, waren auf eine Einigung ausgerichtet, die schließlich im viel zitierten Mannheimer Abkommen manifestiert wurde. Konkret wurde darin vereinbart: Sobald der Parteivorstand die Notwendigkeit eines politischen Massenstreiks für gegeben erachtet, hat derselbe sich mit der Generalkommission der Gewerkschaften in Verbindung zu setzen und alle Maßnahmen zu ergreifen, die erforderlich sind, um die Aktion erfolgreich durchzusetzen. Um bei Aktionen, die die Interessen der Gewerkschaften und der Partei gleichzeitig berühren, ein einheitliches Vorgehen herbeizuführen, sollten die Zentralen der beiden Organisationen sich zu verständigen suchen.

Mit dieser Resolution vereinbarten SPD und Gewerkschaften nicht nur eine künftige partnerschaftliche Zusammenarbeit, sie beendeten damit zugleich die Bevormundung der Gewerkschaften durch die Partei. Beide Institutionen waren von nun an gleichberechtigte Partner im Kampf um soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Fortschritt der Arbeiterschaft. Das Abkommen wurde mit 386 gegen fünf Stimmen verabschiedet.


Das Mannheimer Abkommen besiegelte die Zusammenarbeit von Gewerkschaften und Sozialdemokratischer Partei. Zum 75. Jahrestag sitzen hier im Jahre 1981 Vertreter beider Organisationen zusammen. Von links: DGB-Vorsitzender Heinz-Oskar Vetter (1917-1990), SPD-Vorsitzender Willy Brandt (1913-1992); stehend von links: Maria Braun (DGB Mannheim), Fritz Karg, Erster Bürgermeister Manfred David (SPD). MARCHIVUM.

Unter den Befürwortern war auch Rosa Luxemburg, obwohl sie in ihrer kurz zuvor veröffentlichten Schrift "Massenstreik, Partei und Gewerkschaften" das Phänomen der Massenstreiks in erster Linie als spontane revolutionäre Erhebungen dargestellt hatte. Grund für ihre Zustimmung war wohl die mit dem Mannheimer Abkommen überwundene Trennung und Verselbständigung der beiden Organisationen der Arbeiterbewegung, die sie in der genannten Abhandlung kritisiert hatte. Diese Gemeinsamkeit brachte der zweite Vorsitzende der SPD, Paul Singer, zum Ausdruck, als er in seinem Schlusswort zum Parteitag die Hoffnungen der Genossen, die in der Gemeinschaftlichkeit aller Gruppen der Arbeiterbewegung den Erfolg verbürgt sehen, erfüllt sah.

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