Stadtgeschichte

Kunsthalle, 1907
Die "Neue Sachlichkeit" - Eine Ausstellung der Kunsthalle Mannheim schreibt Kunstgeschichte

Die "Goldenen Zwanzigerjahre" waren eine Epoche voller Widersprüche: eine Zeit des Aufbruchs, des technischen Fortschritts, aber auch der Arbeitslosigkeit und des politischen Niedergangs, der schließlich in die Diktatur führte. Eine Zeit, in der sich in der bildenden Kunst, aber auch in Architektur, Design und Literatur neue Ausdrucksformen entwickelten, die unter dem Begriff "Neue Sachlichkeit" subsumiert wurden.

Die Metropole Berlin war zweifelsohne das schillernde Zentrum all dieser Bewegungen, doch in Süddeutschland wurde der stilbildende Begriff geprägt, der der neuen Kunstrichtung den Namen gab: 1925 organisierte der Direktor der Kunsthalle Mannheim Gustav Friedrich Hartlaub eine Schau mit dem Titel "Neue Sachlichkeit", die Kunstgeschichte schreiben sollte.

Ausstellungsplakat, 1925

Hartlaub wollte mit dieser Ausstellung auf die innovative Weiterentwicklung der deutschen nachexpressionistischen Kunst in der Mitte der 1920er Jahre aufmerksam machen. Dazu hatte er 32 Künstler eingeladen, die sich einer realistischen Formensprache bedienten, darunter u.a. Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz, Karl Hubbuch, Alexander Kanoldt, Rudolf Schlichter und Georg Schrimpf. Nach dem Scheitern der idealistischen Revolutionshoffnungen und Utopien in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und vor allem in Ablehnung des übersteigerten Pathos der Expressionisten hatten diese Künstler begonnen, nach neuen "sachlicheren" Ausdrucksformen zu suchen. Den deformierenden oder abstrahierenden Tendenzen setzten sie eine gegenstandsbetonte Darstellungsweise entgegen.

Wenn auch der Stilbegriff "Neue Sachlichkeit" zum Synonym für die figurative Kunst der 1920er Jahre wurde, war er nicht unumstritten, subsumierte er doch höchst unterschiedliche Richtungen und Konzepte. Schon sehr früh ließen sich zwei Richtungen ausmachen, oder – wie Hartlaub es nannte – ein rechter und ein linker Flügel. Auf der einen Seite standen die sozialkritischen, politisch engagierten Künstler, die die Wirklichkeit der Nachkriegszeit so realistisch wie möglich darstellen wollten. Sie schilderten die hässlichen Seiten des Alltags und zeigten mit radikaler Schärfe Militärs, Politiker, Spießer, Schieber und Bonzen, aber auch Huren, Kranke, Arbeitslose und Mörder – die Außenseiter der Gesellschaft. Diese desillusionierende Malerei, die dem Publikum in der schonungslosen Detailgenauigkeit nichts ersparte, wurde bereits Anfang der 1920er Jahre Verismus, abgeleitet von lateinisch verus – wahr, genannt. Der Verist hält seinen Zeitgenossen den Spiegel vor die Fratze, schrieb George Grosz, neben Otto Dix einer der Hauptvertreter dieses gesellschaftskritischen Realismus.

Auf der anderen Seite standen Künstler, die der hässlichen Welt mit ihren oft idyllischen Bildern eine andere, bessere Realität gegenüberstellen wollten, wurzelnd im Zeitlosen, orientiert an der Kunst des Klassizismus und der Romantik. Es entstanden Stillleben, menschenleere Landschaften und Stadtansichten, die gläserne Kälte ausstrahlen, sowie monumentale, statische Figuren, die in völliger Selbstbezogenheit ein stilles Eigenleben führen.

Der Erfolg und die Bedeutung, die Hartlaubs Ausstellungsprojekt zeitigen sollten, waren nicht vorherzusehen. Die Ausstellung, von 4.405 Personen besucht, war zunächst nur für Mannheim geplant, wurde dann aber in einer zweiten Etappe noch in Dresden und Chemnitz gezeigt und dort von weiteren Städten, u.a. Erfurt, angefordert. Ganz offensichtlich hatte Hartlaub mit seiner künstlerischen Bestandsaufnahme den Nerv der Zeit getroffen.

So zeigte sich auch in Architektur und Design in den 1920er Jahren eine Abkehr von Eklektizismus und Historismus hin zu einer strengen, klaren Formgebung, funktional und ornamentlos, wie sie unter anderem im Bauhaus verkörpert ist. Für die Literatur gilt Vergleichbares: Die Abgrenzung von der Emphase des Expressionismus brachte eine nüchterne, kühl beobachtende Sprache hervor.

In der Malerei wurde nach 1933 der idyllische Flügel der Neuen Sachlichkeit von den Nationalsozialisten im Sinne ihrer Ideologie usurpiert, während die Vertreter des linken Flügels der Brandmarkung als entartete Künstler anheim fielen, so auch in Mannheim.

Pierrette und Clown. Gemälde von Max Beckmann, 1925, Kunsthalle Mannheim

Mit seinen Ankäufen von Werken der Neuen Sachlichkeit hatte Hartlaub den Grundstock für einen Sammlungsschwerpunkt der Kunsthalle gelegt, der trotz der Verluste durch die Beschlagnahmeaktionen der Nationalsozialisten im Jahr 1937 noch heute das Gesicht des Museums prägt. Werke wie das "Porträt des Dichters Max Herrmann­-Neisse" von George Grosz, Max Beckmanns Gemälde "Pierrette und Clown", Franz Radziwills "Morgen an der Friedhofsmauer" oder Alexander Kanoldts "Stilleben IV" gehören noch heute zu den Meisterwerken des Bestands.

 

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