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Stadtgeschichte

Zeichnung Schwarz-Weiss
Höchste Zeit für ein neues Schloss!

Vor genau 300 Jahren erfolgt die feierliche Grundsteinlegung für das Mannheimer Schloss. Seine repräsentativ ausgedehnte Schlossanlage in der Rheinebene ist längst überfällig, schließlich haben andere Fürsten schon ihre alten Residenzen erneuert oder durch Neubauten ersetzt.

Benachbarte Herrscherhäuser errichten nach dem Vorbild von Versailles in der Rheinebene Schlösser, z.B. die Markgrafen von Baden-Baden in Rastatt 1697 oder von Baden-Durlach 1715 in Karlsruhe. Sie alle stehen im Rang deutlich niedriger als der pfälzische Kurfürst. Für ihn ist es also höchste Zeit seine Vorrangstellung zu demonstrieren!

Karl Philipp aus dem Hause der Wittelsbacher zögert daher nicht lange, als er 1716 die Nachfolge seines Bruders auf dem Kurfürstenthron übernimmt. Im Jahr 1718, unverzüglich nach seinem Umzug aus Innsbruck, wo er bisher als Statthalter des Kaisers, seines Schwagers, eingesetzt ist, besucht er Mannheim und gibt zu erkennen, dass ihm die altehrwürdige und protestantisch geprägte Residenz Heidelberg zu eng erscheint.

Kurfürst Karl Philipp. Gemälde von J. Ph. van der Schlichten, um 1733, © Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Karl Philipp mit Kurhut und Reichskrone vor der geplanten Kulisse der Hofkirche

Karl Philipp lässt alsbald Taten folgen, zumal er beabsichtigt, in der Kurpfalz einen glanzvollen Hofstaat zu führen und Jesuiten anzusiedeln, um der katholischen Religion wieder stärkere Geltung zu verschaffen.  Mit Heidelberg kommt es darüber zum Streit. Der reformierten Heidelberger Kirchenrat wiedersetzt sich dem Wunsch Karl Philipps, die Heilig-Geist-Kirche ausschließlich den Katholiken zuzuweisen und als große Hofkirche zu nutzen. Ein weiterer Konfliktpunkt ist die berühmte 80. Frage im Heidelberger Katechismus, in der die katholische Messe als "Teufelswerk" und "Abgötterei" denunziert wird. Der Streit eskaliert und ruft Preußen als Schutzmacht der Reformierten auf den Plan. Schließlich muss Karl Philipp nach Einschreiten des Kaisers einlenken.

Am 12. April 1720 verkündet ein kurfürstlicher Erlass, ein so genanntes Reskript, dass die Residenz und alle Verwaltungsbehörden nach Mannheim verlegt werden sollen. Sieben Tage später gibt Karl Philipp die vollständige Aufgabe der Stammresidenz bekannt und bereits am 15. Mai finden erste Sitzungen in Mannheim statt. Trotz aller Gefühlsausbrüche, die Karl Philipp in diesem Konflikt nachgesagt werden – angeblich will er, dass "Gras über die Stadt Heidelberg wachsen möge" –, liegt die Residenzverlegung nach Mannheim nahe. Seinem Wunsch nach einem großen Hof, der seinem hohen Stand und seinem Bedürfnis nach Repräsentation genügt, konnte Heidelberg schon räumlich kaum genügen.

Am 2. Juli 1720 frühmorgens trifft Karl Philipp zusammen mit seinem Schwiegersohn aus Schwetzingen kommend in Mannheim ein und begibt sich mitsamt dem ganzen Hofstaat in feierlichem Zug zum Bauplatz. Da zugleich eine Hofkirche gebaut wird, nimmt der Weihbischof von Worms die rituelle Weihe des Grundsteins vor, ehe dann der Kurfürst dem Stein Gold- und Silbermedaillen sowie ein Pergament mit den Namen der Teilnehmer beilegt. Im Ratsprotokoll von 1720 heißt es: "Wonach dann Ihre Kurfüstliche Durchlaucht und dero Hofstaat samt allen Anwenden Herren Räten, Bedienten und übrigen sich wiederum in das dermalige kurfürstliche Haus begeben, und als dieselbe ausgestiegen, haben sie zu den da gestandenen Ratsherren gesagt: Jetzt ist der Anfang gemacht, zweifelt nicht mehr daran, Gott segne es!"

So entsteht in Mannheim mit Unterbrechungen binnen 40 Jahren (!) eines der größten Barockschlösser Deutschlands. Mit einer Länge von 440 Metern wird es nur übertroffen von der Spannweite des Nymphenburger Schlosses in München und von Schloss Charlottenburg in Berlin. Der symmetrische dreiflügelige Bau mit tiefem Innenhof nimmt einen beträchtlichen Teil der ehemaligen Festung ein und riegelt die Stadt im Süden ab.

Jean Clemens Froimon, der zweite Baumeister des Schlosses, fertigt mehrere Ansichten und sogenannte Vogelschauen an, die einen Eindruck der Gesamtanlage vermitteln, aber keineswegs den jeweiligen Bauzustand wiedergeben. Froimon, der zuvor im Bistum Speyer tätig ist, erhält am 18. November 1720 seinen Anstellungsvertrag, nachdem sechs Wochen zuvor der erste Architekt und Generalunternehmer Johann Caspar Herwartel aus Mainz verstirbt. Bereits im April 1726 wird Froimon wiederum von dem Franzosen Guillaume d`Hauberat abgelöst. Immerhin ist bis 1726 der Mittelteil abgeschlossen und große Teile der kurpfälzischen Behörden haben ihren Sitz im Schloss genommen. Der galerieartige Querflügel als Abschluss des Ehrenhofs zur Stadt hin, der auf Froimons Ansichten zu sehen ist, wird dagegen nie ausgeführt.

Vogelschau auf das Schloss nach dem Planungszustand von Froimon mit Häusern der Oberstadt, Radierung, 1726, © Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Durch die Öffnung der Architektur zur Stadt hin und deren Dominanz wird der Machteinfluss auf die Stadt geradezu sinnbildlich und ganz den Vorstellungen des absolutistischen Herrschers entsprechend verfestigt. Ober- und Unterstadt bilden sich aus, da Hofbeamte und Adel die Grundstücke nahe des Schlosses in der ehemaligen Friedrichburg kostenlos zugewiesen bekommen.

Die Finanzierung des riesigen Bauprojekts ist nur mit einer außerordentlichen Schlossbausteuer möglich, mit der auch die Einwohner Mannheims belastet werden. Kredite der Hoffaktoren Michael May und Lemle Moses werden notwendig. Schließlich verschlingt der Bau mindestens sieben Mal so viel wie die ursprünglich veranschlagten 300.000 Gulden.

Auch wenn es im Laufe der Regierungszeit von Karl Philipp zu einer Bevölkerungsexplosion von zuvor 5.300 auf 18.500 Personen kommt und sich neues Gewerbe ansiedeln kann, bringt die Umgestaltung der Stadt in eine höfische Residenz auch Nachteile mit sich. Die kurfürstliche Verwaltung nimmt direkten Einfluss auf die Besetzung des Stadtrats und übernimmt städtische Befugnisse, kappt zudem die Einnahmemöglichkeiten der Stadt. Auf ihr lasten hohe Schulden, der Stadtdirektor als Chef der Verwaltung folgt faktisch den Wünschen der kurfürstlichen Regierung.  

Verherrlichung des Kurfürsten Karl Philipp mit der Ansicht der Mannheimer Residenz nach den Plänen von Froimon. Kupferstich rem um 1725, © Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Der fromme Kurfürst Karl Philipp wartet bis 1731 mit seinem Einzug ins neue Schloss, bis endlich auch die Schlosskirche fertiggestellt ist. Er legt als dritter Stadtgründer die Fundamente für die Hofhaltung seines Nachfolgers Karl Theodor und dessen Ausbau der Residenz zum Kunst, Musik und Wissenschaftszentrum. Unter Kurfürst Karl Theodor wird 1760 schließlich auch das Schloss von dem Architekten Nicolas de Pigage vollendet. Aber schon 1778 verlegt Karl Theodor die Residenz, nach Erlangung der bayerischen Kurwürde, nach München. Nun regiert ein Statthalter im Mannheimer Schloss, die glanzvolle kurpfälzische Ära neigt sich ihrem Ende zu.

 

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