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Stadtgeschichte

Bild schwarz-weiß Blick in die Bibliothek
Die Stadtbücherei als Erlebnisort

Dr. Klaus Hohlfeld war von 1976 bis 2002 Leiter der Stadtbibliothek. In einem lebhaften Interview hat er uns einiges über sich und sein Berufsleben verraten.

Nach Ihrem Studium wurden Sie in Stuttgart zum Bibliothekar ausgebildet. Dann folgten sechs Jahre als Lektor bei den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen, bis Sie 1973 nach Mannheim kamen. War dies zunächst ein „Kulturschock“ für Sie?

Nein, ich hatte bereits während meiner Ausbildung ein halbjähriges Praktikum in der Stadtbücherei Mannheim absolviert und kannte daher die Stadt und die Menschen. Als sich abzeichnete, dass Herr Wendling in wenigen Jahren in den Ruhestand gehen würde, kontaktierte er mich und bot mir die vakante Stelle als stellvertretender Leiter an. Ich war ja damals noch in Hamburg mit sehr interessanten Aufgaben betraut. Da mein dortiger Chef aber noch recht jung war, zeichnete sich ein baldiges berufliches Fortkommen für mich nicht ab. In Mannheim boten sich mir daher bessere Chancen. Außerdem wussten meine Frau und ich, das tolle kulturelle Leben in Mannheim sehr zu schätzen, galt das Nationaltheater damals doch zu den besten Theatern Deutschlands.

Kinderbuch-Karussell im Foyer der Stadtbücherei, 1982, Dr. Hohlfeld 4. v. l.

In der neuen Festschrift über die Stadtbibliothek wird die Rolle Willi Wendlings während der NS-Zeit durchaus kritisch beleuchtet. War diese Zeit jemals Thema zwischen Ihnen?

Wir selbst haben nie über das Thema gesprochen. Mir war zwar bekannt, dass Wendling Mitglied der NSDAP gewesen war. Allerdings habe ich ihn nie entsprechendes Gedankengut äußern hören. Solche Äußerungen waren damals durchaus noch üblich. Im Gegenteil: Wendling hatte ja bereits nach dem Krieg das Bibliothekswesen als Mittel der Demokratisierung gesehen.

Wie haben Sie Herrn Wendling als Chef empfunden?

Willi Wendling war ein Chef, der sehr viel delegiert hat. Aber nicht, um sich die Arbeit zu erleichtern, vielmehr zeigte sich darin sein tiefes Vertrauen in seine Mitarbeitenden, deren selbständiges Handeln er stets zu schätzen wusste. Er hat mich immer an der langen Leine gelassen. Auch wenn noch vor meiner Mannheimer Zeit: Eine großartige Leistung von Wendling ist gewesen, mit dem Dalberghaus einen für damalige Verhältnisse modernen Bibliothekszweckbau zu realisieren.

Nach welchen Kriterien wird über die Aufnahme von Literatur in die Bibliothek entschieden ("schlechte" vs. "gute" Literatur)?

Das kann man nicht pauschal sagen, weil jede Literaturgattung ihre eigenen Kriterien hat. Bei der Ankaufentscheidung spielen aber immer die Punkte Qualität und Relevanz eine Rolle. Auch der zeitliche Aspekt ist von Bedeutung. Früher galten z.B. Comics als minderwertig, heutzutage sind sie als Graphic Novels nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen hoch im Kurs. Die Einkaufszentrale für Bibliotheken in Reutlingen stellt Rezensionslisten zur Verfügung, an denen wir uns auch orientiert haben und an denen ich bereits seit 53 Jahren bis heute mitarbeite.

Übergabe von 200 Neckarau-Bildbänden an Bürgermeister Manfred David, 1985, Dr. Hohfeld 1. v. r.

An welches Ereignis erinnern Sie sich besonders gerne und auf was blicken Sie negativ zurück?

Besonders lebhaft sind mir unsere schönen Veranstaltungen in Erinnerung geblieben. So wurde z.B. dreimal aus der Stadtbücherei die Sendung "Lehmanns Bücherbar" im SWR-Fernsehen ausgestrahlt. Und der damalige Oberbürgermeister Ludwig Ratzel förderte auch ein außerstädtisches Engagement seiner Mitarbeitenden. Ich wurde daher Jurymitglied beim "Politischen Buch". Das ist ein Preis, den die Friedrich-Ebert-Stiftung seit 1982 jährlich vergibt. In diesem Zusammenhang durfte ich Preisträger wie Václav Havel, Carolin Emcke oder Wolfgang Engler kennenlernen. Das Amt des Juryvorsitzenden habe ich von 1990 bis 2019 ausgeübt. Was das Negative anbetrifft, so habe ich dies zum Glück weitestgehend verdrängt. (lacht)

In Ihre Amtszeit fiel maßgeblich die Einführung der EDV. Welche Schwierigkeiten gab es dabei zu überwinden?

Wir begannen mit der Einführung der elektronischen Ausleihverbuchung. Zunächst waren die Widerstände der Mitarbeitenden immens. Ich musste zahlreiche Gespräche auch mit dem Personalrat führen. Doch schon kurz darauf kamen die ersten Beschwerden des Personals, die EDV sei viel zu langsam und ich müsse Abhilfe schaffen. Kurze Zeit später haben wir uns dann darangemacht, die Kataloge mit dem Computer zu erstellen.

Ablösung des Kartenkatalogs durch die EDV

Würden Sie im Nachhinein das Stadthaus in N 1 als optimalen Standort für die Bibliothek bezeichnen?

Bereits in den 1970er Jahren gab es erste Pläne zum Bau des Stadthauses. Der damals prämierte erste Entwurf konnte aus Kostengründen allerdings nicht realisiert werden. Es folgte eine reduzierte Ausschreibung, die final das Architekturbüro von Herrn Mutschler gewann. Im Nachhinein muss ich sagen, dass das Stadthaus eigentlich nicht als Bibliothekszweckbau konzipiert war, da die Gastronomie im Erdgeschoss durch die offene Rotundenarchitektur unsere Arbeit stark beeinträchtigte. Aber natürlich war ich glücklich, dass uns nun ausreichend Flächen direkt in den Quadraten zur Verfügung standen und wir gleichzeitig das Dalberghaus behalten konnten.

Blick in die Zentralbibliothek in N 1

Aus Ihrer Sicht: Welche Herausforderungen haben Bibliotheken zu bewältigen – damals und heute?

Immer hatten bzw. haben Öffentliche Bibliotheken ein Problem: Es wird nicht die gesamte Bevölkerung erreicht. Wissenschaftler benutzen eher Fachbibliotheken, und bildungsferne Schichten kommen gar nicht. Daher spielt die Bibliothekspädagogik eine bedeutende Rolle. Gerade in einer Stadt wie Mannheim mit hohem Migrantenanteil ist es wichtig, dass bereits Kindern das Lesen nähergebracht wird. Denn ohne Bücher keine Bildung. Ich denke, dass Wissen nicht nur über das Internet vermittelt werden sollte, sondern auch über das geschriebene Wort.

Und konkret in Mannheim?

Anfang der 1980er Jahre war unsere Bibliothek mit einem gut funktionierenden Zweigstellensystem bestens aufgestellt. Damit meine ich vor allem die kombinierten Schul- und Öffentliche Bibliotheken, die es andernorts in Deutschland so kaum gab. Wir hatten auch genügend Personal. Im Verlauf der Zeit waren wir dann jedoch finanziellen und personellen Sparzwängen unterworfen. Zum Teil mussten Zweigstellen sogar geschlossen werden. Zum Glück gab es aber die Fördervereine, die sich für einen Erhalt einsetzten. Eine Lösung war, ab sofort Zweigstellen auch mit ehrenamtliche Mitarbeitende betreuen zu lassen.

Was halten Sie vom Neubau?

Da möchte ich mich heraushalten. Ich hätte es auch nicht gemocht, wenn mir mein Vorgänger ins Handwerk gefuscht hätte. Großartig ist jedoch, dass mit dem Neubau in N 2 wieder eine sehr zentrale Lösung gefunden werden konnte. Vor kurzem wurde der Neubau von der Presse als "Wohnzimmer der Stadt" bezeichnet. Das finde ich ganz treffend, denn Bibliotheken sollen auch Erlebnisorte und nicht nur Bücherhallen sein. Ihnen kommt ein hoher Stellenwert im urbanen Umfeld zu.

Herr Dr. Hohlfeld, vielen Dank für das Gespräch.

Literaturhinweis: Mehr über die Geschichte zur Mannheimer Stadtbibliothek in:
Menschen, Medien, Mannheim. 125 Jahre Stadtbibliothek, Mannheim, 2020 (im MARCHIVUM-Shop erhältlich) Zum Shop-Artikel

Veröffentlichungen (in Auswahl) während der aktiven Berufstätigkeit Dr. Hohlfelds in Mannheim

Die öffentliche Bibliothek in einer menschlichen Stadt. Aufforderung zu einer Diskussion. In: Buch und Bibliothek, 26. Jg. 1974, S. 269 ff.
(Nachdruck in: Die gesellschaftliche Rolle der öffentlichen Bibliothek im Wandel 1945-1975. Hrsg. von Tibor Süle. 1976. S.189 ff.- In: Bibliothek in einer menschlichen Stadt. Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft der Verleger, Buchhändler und Bibliothekare in der Friedrich-Ebert-Stiftung. 1976.S.15 ff.)

Was öffentliche Bibliothek heute sein kann. In: Die demokratische Gemeinde. Monatsschrift für Kommunalpolitik in Stadt und Land. 27.Jg. 1975. S. 28 ff.

Freiraum für Bürger. Öffentliche Bibliothek und Kulturpolitik. In: Zwischen Oper und Kulturladen. Hrsg. von Lothar Romain. (Das Vorwärts-Buch) 1978. S. 85 ff.

Schulbibliotheken in Baden-Württemberg. Zum gegenwärtigen Stand der Entwicklung. In: Öffentliche Bibliothek in Baden-Württemberg. Hrsg. von den Staatlichen Fachstellen für das öffentliche Bibliothekswesen. 1981. S. 38 ff.

Die Stadtbücherei Mannheim. In: ABJ-Technik. Jg. 2.1982. S. 259 ff.

(Hrsg.) Die Schulbibliothek. Texte zu ihrer Geschichte und Theorie. 1982.

Wider den bibliothekarischen Medienkult. In: Buch und Bibliothek, 35. Jg.1983. S. 347 f.

Friedrich von Raumer als Bibliotheksgründer. In: Bibliothek, Forschung und Praxis. Hrsg. von Paul Kaegbein u. a. Jg. 7, 1983. S.243 ff.

Anfänge der modernen Schulbibliothek. Über Ludwig Natorp (1774-1846). In: Buch und Bibliothek, 36. Jg. 1984. S.681 ff.

Subsidiär oder konstitutiv. Notizen zum bibliothekarischen Selbstverständnis. In: Buch und Bibliothek. 39. Jg. 1987. S. 597 ff.

Beiträge zur Entwicklung der Schulbibliotheken im Zeitalter der Aufklärung. In: Bibliotheken und Aufklärung. Hrsg. von Werner Arnold und Peter Vodosek (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens). Bd. 14. 1988. S. 123 ff.

Über das politische Buch und seine Leser. In. Buch und Bibliothek, Jg. 43. 1991. S.862 ff.

Zitate aus dem Referat „Über den Stellenwert der öffentlichen Bibliotheken. Bilanz und Ausblick“. In: Buch und Bibliothek, Jg. 44. 1992. S. 56.

Experimente und Experimentierer. Mozarts „Cosi fan tutte und Goethes „Wahlverwandtschaften“. In: Athenäum, Jahrbuch für Romantik, Jg. 1998. S. 253 ff.

Kulturpolitik – am Beispiel von Goethes „Tasso“. In: Die Neue Gesellschaft – Frankfurter Hefte. September 1999. S. 841 ff.

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