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Stadtgeschichte

Firma Goldschmidt AG Rheinau
Erfinderköpfe in Mannheim

In der Weimarer Zeit war Mannheim ein Ort höchster technischer Innovationen, die um die Welt gingen.

Bereits 1912, unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, hatte BBC "seinen Leiter für elektrische Maschinen, welcher aus zwei oder mehr Gruppen von Teilleitern besteht", zum Patent angemeldet. Was so kompliziert klingt, ist geläufiger als Roebelstab – benannt nach seinem aus Kusel in der Pfalz stammenden Entwickler Ludwig Roebel. Nach 1918 konnten Roebel und die BBC mit diesen raffiniert ineinander verschachtelten Flachkupferdrähten immer leistungsfähigere Generatoren herstellen.

Ludwig Roebel, ca. 1952

Weit legendärer allerdings wurde der von Fritz Huber 1921 erstmals produzierte Lanz-Bulldog, aber genauso bedeutsam ist die Entwicklung des kompressionslosen Dieselmotors, den Prosper L’Orange im selben Jahr entscheidend verbessern und damit zur Serienreife bei den Motorenwerken Mannheim bringen konnte. L’Oranges Motorenprinzip kam schon 1923 bei Benz & Cie im Lastkraftwagenbau zum Einsatz, später sollte Daimler-Benz den kompakten Dieselmotor im Personenautomobil erfolgreich vermarkten. Der aus Ostpreußen von hugenottischen Vorfahren abstammende L’Orange war gleichermaßen Ingenieur wie Unternehmer – hierin Friedrich Marguerre ähnelnd, dem ersten Leiter des 1921 gegründeten Großkraftwerks Mannheim.

Marguerre, im belgischen Gent geboren und gleichfalls hugenottischer Abstammung, hatte einst bei BBC im Vorstand der Kraftanlagengesellschaft gearbeitet und sich als Elektrotechniker auf Heißdampf-Turbinenanlagen spezialisiert sowie eine ganze Serie von Patenten angemeldet. Dem 1954 mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichneten klugen Kopf verdankt Mannheim 1928 die erste europäische Anlage dieser Art mit 475 Grad Celsius und 105 Bar Druck.

Verleihung der Ehrenbügerwürde an Fritz Maguerre, 1954

Friedrich Bergius wiederum wird gern als "Mannheims erster Nobelpreisträger" bezeichnet. Ihm wurde diese Auszeichnung zusammen mit dem an der BASF bzw. bei der I.G. Farbenindustrie AG tätigen Carl Bosch 1931 verliehen. Letzterer hatte vor dem Ersten Weltkrieg mit Fritz Haber ein großtechnisches Verfahren zur Ammoniaksynthese entwickelt, mit dem die BASF Ammoniak als Grundlage für Dünger wie auch Sprengstoff herstellen konnte. Unter den Schülern des 1918 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichneten Haber befand sich auch Friedrich Bergius, der 1916 mit Verlegung des Firmenlabors der Theodor Goldschmidt AG nach Mannheim-Rheinau gekommen war.

Bergius hatte seit 1913 das Patent über die Produktion von kettenförmigen Kohlenwasserstoffen mittels Hydrierung inne. Dieses bildete die Grundlage für das Bergius-Pier-Verfahren zur Kohleverflüssigung, womit es möglich wurde, Kraftstoffe aus Kohle zu produzieren. Die dafür erforderlichen erheblichen Investitionen, genährt von der Erwartung eines baldigen Versiegens der Erdölreserven, waren wesentlich für den Zusammenschluss der größten deutschen Chemieunternehmen zur I.G. Farben Ende 1925, als Bergius gerade sein Patent an die BASF verkauft hatte. Doch die synthetische Treibstoffgewinnung konnte letztlich nicht die erhofften Renditen abwerfen. Auch einem zweiten von Bergius entwickelten Verfahren, der Zuckergewinnung aus Holzzellulose, blieb ein durchschlagender industrieller wie finanzieller Erfolg letztlich versagt, so dass Bergius, der sein Privatvermögen hierfür eingesetzt hatte, das Preisgeld der Stockholmer Auszeichnung seinen Gläubigern überlassen musste.

Eine andere Entwicklung jedoch, die in Neckarau ihren Anfang nahm, sollte nicht allein technologisch, sondern auch finanziell äußerst ertragreich werden. Die Rede ist vom sogenannten Stotz-Automat – inzwischen ein bedienerfreundliches, in Plastik ummanteltes Kleingerät mit Kippschalter, das sich nahezu in jedem häuslichen Sicherungskasten findet und das man dann aktiviert, wenn der Strom einmal ausgefallen ist. Durch die Kombination von thermisch reagierenden Bimetallen und einem elektromagnetischen Auslöser stellt dieser kleine Apparat sicher, dass sich elektrische Leitungen bei Überlastung wie auch bei Kurzschluss innerhalb von Sekundenbruchteilen automatisch abschalten.

Allein bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden mehr als 500 Mio. Stück dieses ständig verbesserten Sicherungsautomaten hergestellt. Das Patent auf diese Innovation, die 1923 von der Stotz GmbH, eine Tochter der BBC, entwickelt und 1925 in den Verkauf gebracht wurde, wollte die Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG) aus Berlin erstreiten. Die Stotz GmbH obsiegte im Rechtsstreit – und doch nennt keines ihrer Patente den eigentlichen Entwickler dieser bahnbrechenden Erfindung.

Historischer Stotz-Automat

Inzwischen verweist die Technikforschung darauf, dass neben dem Namensgeber Hugo Stotz, einem gebürtigen Stuttgarter, der seit 1890 in Mannheim lebte, auch dessen Chefkonstrukteur Heinrich Schachtner eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung zukam. Schachtner, aus Schwetzingen stammend, war bereits 1905 bei Stotz in die Lehre gegangen und leitete ab 1921 das Konstruktionsbüro für Installationsmaterial. Über zwei Jahre dauerten die aufwändigen Versuche, ehe der Automat erstmals wirklich fehlerfrei funktionierte. 1932 erhielt Heinrich Schachtner die Prokura und arbeitete noch bis 1955 als technischer Direktor und schließlich bis 1963 als Berater. Sein Lebenswerk freilich blieb der Stotz-Automat, dem wir es bis heute verdanken, dass uns (meistens) keine Sicherung durchbrennt.

Familie Hugo Stotz vor Villa in der Otto-Beck-Straße 49

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