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Stadtgeschichte

schwarz-weiß Foto von vier Gastarbeitern beim Straßenbau
Unser Projekt "Dokumentation Migrationsgeschichte Mannheims"

"Migration ist elementarer Bestandteil des historischen Erbes Mannheims seit Gründung der Stadt. Dieses ist zu bewahren, zu mehren, in der Gegenwart zu vermitteln und in die Zukunft weiterzugeben." So steht es im Leitbild des MARCHIVUM geschrieben. Daran anknüpfend wurde ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das sich genau um das Thema "Migration" dreht.

 

Projekt "Dokumentation Migrationsgeschichte Mannheims"

Ein großes Kulturgut Mannheims sind die Erinnerungen und Hinterlassenschaften der Menschen, die diese Stadt aufgebaut, hier gelebt, gearbeitet und damit auch geprägt haben. Dazu gehören selbstverständlich auch all diejenigen Menschen, die nach Mannheim migrierten, hier eine neue Heimat fanden und für immer geblieben sind. Doch wie können Migrant*innen-Erinnerungen in unserem kollektiven Gedächtnis am besten gesammelt und bewahrt werden?

Die derzeit im MARCHIVUM vorhandenen Dokumente erzählen die Geschichte der Migration nach Mannheim überwiegend aus dem Blickwinkel einer kommunalen Verwaltung mit ihren verschiedenen Gremien und Dienststellen. Diese behördlichen Perspektive können persönliche Unterlagen ergänzen, die von Migrant*innen bzw. aus ihrem Umfeld stammen.

Das MARCHIVUM hat es sich zur Aufgabe gemacht, das kulturelle Erbe Mannheims in seinem Haus zu archivieren, zu schützen und für alle Bürgerinnen und Bürger zu erschließen. Im Rahmen des Projekts "Dokumentation Migrationsgeschichte Mannheims" sollen historisch relevante Materialien zur Mannheimer Migrationsgeschichte nach 1945 gesammelt werden, um eben diese Menschen sichtbar zu machen. Ihr Leben und ihr Wirken sollen belegt und für zukünftige Generationen dokumentiert werden. Es fehlt noch an Schrift- und Bildquellen, an Geschichten, an Literatur und an Forschung zu diesem Thema. Daher bedarf es einer repräsentativen und umfangreichen Quellensammlung, um alle und jeden abbilden zu können.

Bisherige Sammel- und Dokumentationstätigkeit

In den letzten Jahren konnten seitens des MARCHIVUM bereits punktuell Unterlagen eingeworben und Vorträge, Ausstellungen und Publikationen zum Thema Migrationsgeschichte in Mannheim verwirklicht werden. So hat das MARCHIVUM etwa die in Mannheim herausgegebene polnisch-sprachige Zeitung "Ostatnie Wiadomości" übernommen, die nun digital zur Verfügung steht. Im Rahmen des Oral History Projekts "Alle Wege führen nach Mannheim" wurden Zeitzeugeninterviews von Migrant*innen gesammelt und dokumentiert. Derzeit entsteht in Kooperation mit der Universität Mannheim eine umfassende Publikation zur Mannheimer Migrationsgeschichte von den Anfängen bis heute.

Eine Ausstellung und der dazu erschienene Band "Migration im Quadrat. 25 Mannheimer Biographien" im Jahr 2016 stießen auf eine sehr positive Resonanz und verdeutlichten gleichzeitig allen Teilnehmenden und uns Organisatoren, dass noch viel mehr für die Dokumentation und Vermittlung von Migrationsgeschichte(n) getan werden muss. Denn: Migration ist tief in unserer Stadt verwurzelt.

Historischer Abriss der Migrationsgeschichte Mannheims

Seit der Stadtgründung 1607 warben die pfälzischen Kurfürsten um Zuwanderer bzw. "alle ehrliche Leut und von allen Nationen".

"Freyheiten und Begnadigungen" aus den Mannheimer Stadtprivilegien (1607)

Die Residenz von Kurfürst Karl Theodor zog im 18. Jahrhundert Künstler, Händler und Handwerker an. In die Handels- und Industriemetropole des 19. Jahrhunderts strömten Arbeiter*innen und Know-how aus nah und fern – von den französischen Fachkräften der Spiegelmanufaktur auf dem Waldhof bis zu den italienischen und polnischen Arbeiterinnen der Jutespinnerei in Sandhofen. In den beiden Weltkriegen spielten Zwangsmigrationen auch in Mannheim eine große Rolle.

Nach 1945 begann ein neues Kapitel der Migration nach Mannheim – freilich nicht losgelöst von der Vorgeschichte. Vormalige "Fremd"- und Zwangsarbeiter und aus den Konzentrationslagern befreite Menschen lebten als sogenannte Displaced Persons in der Stadt. Schon bald erreichten Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus Mittel- und Osteuropa die Quadrate.

Seit den 1950er- Jahren warb die boomende Bundesrepublik um Arbeitskräfte, schloss Anwerbeabkommen und beschäftigte ca. 20 Mio. "Gastarbeiter". Für viele Italiener, Spanier, Türken, Griechen oder Jugoslawen wandelte sich Mannheim vom temporären Aufenthaltsort trotz oft prekärer Wohnverhältnisse zur dauerhaften "Heimat". Beim Benz arbeiteten sie, in den Strebelwerken, bei John Deere oder der "Schildkröt".

Gastarbeiter beim Straßenbau

Ölkrise und Wirtschaftsflaute führten 1973 zum Anwerbestopp. Trotz der schrittweisen Institutionalisierung der städtischen Ausländerpolitik im Mannheim der 1970er Jahre (Koordinierungsausschuss, Ausländerbeauftragter) kam es – nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um Ausländer- und Asylpolitik in der Ära Kohl – zu massiven Reaktionen; mit den "Schönauer Krawallen" explodierten 1992 Rassismus und Fremdenhass. Die in den Folgejahren erbaute Yavuz-Sultan-Selim-Moschee hingegen steht mittlerweile für das Miteinander in kultureller und religiöser Vielfalt. Die Republik machte sich ganz langsam auf den Weg zur offiziellen Einwanderungsgesellschaft, in Mannheim entwickelte sich ein Bewusstsein für das eigene Zuwanderungserbe. Diesen Geist verströmt auch die 1989 konzipierte und modifizierte "Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt".

Das MARCHIVUM als Sammlungsort für Migrationsgeschichte(n)

Die schriftlichen und mündlichen Überlieferungen zur Migrationsgeschichte Mannheims müssen endlich an einem Ort gebündelt und gesammelt werden. Verstreute, in Kellern oder auf Speichern abgelegte Dokumente verlieren im heutigen digitalen Zeitalter langsam an Bedeutung, verwittern oder verschwinden gänzlich – und damit auch ein Teil der Geschichte Mannheims. Fast jeder von uns ist Zeuge von diversen Migrationsprozessen, verfügt über gewisse Erfahrungen und Wissen und möglichweise sogar über schriftliche und/oder bildliche Belege, die nicht verloren gehen dürfen. Unser besonderes Interesse gilt den Unterlagen nach 1945. Daher zählt jedes Dokument, jedes Foto, jeder Film, der eine Geschichte der Migration zu erzählen hat.

Magazinräume des MARCHIVUM

Das MARCHIVUM ist der richtige Ort, Migrant*innen-Geschichten zu sammeln und zu bewahren und wir hoffen, dass möglichst viele Mitbürger*innen ihre schriftlichen Dokumente und Fotografien mit uns teilen werden, indem sie uns diese anvertrauen und übergeben. Mit diesem Wissen und den erworbenen Quellen kann die archivische Überlieferung zur Migrationsstadt Mannheim erheblich erweitert und diversifiziert werden. Das MARCHIVUM steht für alle Bürger*innen der Stadt offen. Jeder soll hier seine Geschichte wiederfinden und nachverfolgen können. Denn das schafft Identität und Zugehörigkeit. Um eine möglichst repräsentative Abbildung der Stadtgesellschaft Mannheims wiederzugeben, gilt es daher, alle Ebenen und Akteur*innen in den Blick zu nehmen.

Unser kollektives Gedächtnis und unsere Bereitschaft, Erinnerungen, Erlebtes und Dokumentiertes zu sammeln und aufleben zu lassen, werden unser Bewusstsein für unser Handeln sowohl heute als auch in Zukunft stärken. Jetzt haben wir die große Chance, unsere Mannheimer Geschichte selbst zu schreiben und sie für zukünftige Generationen festzuhalten und zu gestalten. Doch diesen Schritt können wir nicht allein gehen, sondern benötigen die Hilfe und die Unterstützung aller Vereine, Verbände, Migrantenorganisationen und der gesamten Bevölkerung Mannheims. Diesen wichtigen Teil der Mannheimer Stadtgeschichte zu schreiben und gemeinsam unser kollektives Gedächtnis er Stadt zu gestalten, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Weiterführende Informationen

Ein Folder zum Projekt kann hier heruntergeladen werden.

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Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg, in dem über 65 Millionen Menschen in Kampfhandlungen oder als zivile Opfer getötet wurden. In Mannheim endete der Krieg bereits Ende März 1945.

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