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Dr. Eugen Neter

geboren am
Verfolgung

Jüdischer Kinderarzt und
Gemeindevorsitzender

1940 nach Gurs deportiert
Überlebt

Kachelbild
Text

Dr. Eugen Isaak Neter wurde 1876 als erster von zwei Söhnen des jüdischen Kaufmanns Eli Neter und dessen Ehefrau Augusta geb. Sinauer geboren. Nach dem Abitur in Rastatt begann er 1894 ein Medizinstudium in München, das er in Heidelberg fortsetzte, wo er 1899 die Approbation erlangte und sich 1900 promovierte. Nach dreijähriger Tätigkeit als Assistenzarzt in Berlin ließ er sich 1903 als Kinderarzt in Mannheim nieder. Seine Praxis befand sich zunächst in Q 1, 2, ab 1909 in Q 1, 9, ab 1931 dann in S 2. Ab 1913 war er verheiratet mit der Protestantin Luise geb. Janson (geb. 1876 in Karlsruhe); im selben Jahr kam der gemeinsame Sohn Martin zur Welt.

Dr. Neter war nicht nur als praktizierender Kinderarzt äußerst beliebt und angesehen, auch machte er sich mit zahlreichen populärmedizinischen Publikationen zur Kinderpflege und zur pädagogischen Aufgabe des Kinderarztes einen Namen. Bis 1914 veröffentlichte er Werke mit Titeln wie „Mutterpflicht und Kindesrecht: ein Mahnwort und Wegweiser“ (1905), „Sorgen und Fragen in der Kinderpflege“ (3 Bände, 1910-1913) oder „Das einzige Kind und seine Erziehung: ein ernstes Mahnwort an Eltern und Erzieher“ (1914); zudem gab er die Monatsschrift „Das Kind“ (später: „Zeitschrift für Kinderpflege“) heraus, die auch nach dem 1. Weltkrieg eine breite Leserschaft erfuhr.

Eugen Neter unterstützte die Geschwister Dora und Rosa Grünbaum beim Aufbau des Fröbelseminars für angehende Kindergärtnerinnen, wo er ab 1908 auch als Dozent tätig war. Eine ehemalige Schülerin schilderte Dr. Neters praxisnahen und in Erziehungsfragen äußerst modernen und innovativen Unterricht später: „[…] Schon in der ersten Stunde merkten wir, dass uns hier oben am Lehrpult ein Arzt gegenüberstand, der uns weit mehr zu vermitteln hatte als das, was der Lehrstoff besagte. Sehr bald wurde uns auf eine leuchtende Weise greifbar, was diesen Arzt zum Lehrer machte, weshalb er zu der jungen Generation der Erzieherinnen und Pflegerinnen des Kleinkindes sprechen musste. Er sah in uns die Partner seiner Aufgabe. Ohne die Mütter, ohne die Erzieherinnen und Pflegerinnen konnte er seine ärztliche Aufgabe nicht lösen. Hier entdeckten wir etwas vom Anwalt des Kindes, der unsere Augen und Sinne schärfen wollte für das leibliche und seelische Wohl des Kindes in seinen frühesten Lebensjahren.“

Im Ersten Weltkrieg diente Eugen Neter als Stabsarzt und wurde mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Nach dem Krieg war er Vorsitzender der Mannheimer Ortsgruppe des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten. Zugleich setzte sich der durchaus deutschnational gesinnte Mediziner in den 1920er Jahren gegen den erstarkenden Antisemitismus ein.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war auch Dr. Eugen Neter als jüdischer Arzt zunehmenden Repressionen ausgesetzt. Bereits im Juni 1933 übernahm er den Vorsitz der neu gegründeten „Jüdischen Akademiker-Hilfe Mannheim“, welche sowohl Akademiker*innen als auch nicht-akademischen Juden in der Lehre und freien Berufen beratend unterstützte.

Mit der „4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 25. Juli 1938 wurde Dr. Eugen Neter wie allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen, was de facto Berufsverbot bedeutete. Fortan durfte er ausschließlich als „Krankenbehandler“ jüdische Patientinnen und Patienten betreuen. Nach den Novemberpogromen wurde er in „Schutzhaft“ genommen und kurzzeitig im KZ Dachau interniert. Zurück in Mannheim, übernahm er den Vorsitz der Jüdischen Gemeinde bis zur Deportation der badischen, pfälzischen und saarländischen Juden nach Gurs im Oktober 1940. Eugen Neter selbst wäre von der Verschleppung verschont geblieben, da seine Ehefrau Luise als „Arierin“ galt und Juden in sog. „privilegierter Mischehe“ zu dieser Zeit noch nicht deportiert wurden. Neter bat jedoch darum, seine Gemeinde ins Exil begleiten zu dürfen und zählte damit zu den Deportierten vom 22. Oktober 1940. Seine Tätigkeit als Arzt im Camp de Gurs wurde von zahlreichen Überlebenden sowie in den Briefen von Deportierten aus dem Lager hervorgehoben. Unter widrigsten Bedingungen kümmerte sich Dr. Eugen Neter nicht nur um die medizinische Versorgung, sondern gab seinen Leidensgenossen darüber hinaus auch moralischen Halt. Sein eigener Erinnerungsbericht („Erinnerungen an das Lager Gurs in Frankreich“) zählt zu den eindrücklichsten Schilderungen der dramatischen Zustände in Gurs.

1943 wurde Eugen Neter in das Lager Sereilhac bei Limoges verlegt. Er entging der Deportation in die Vernichtungslager und überlebte in Frankreich.

1946 siedelten Eugen und Luise Neter nach Palästina über, wohin ihr Sohn Martin bereits zehn Jahre zuvor geflohen war. Martin, ein leidenschaftlicher Zionist, sollte nur eine kurze Zeit im bald gegründeten jüdischen Staat vergönnt sein: Er starb im Mai 1948 im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Luise starb im Jahr 1950.

Dr. Eugen Neter verbrachte seine letzten Lebensjahre im Kibbuz Deganyah Alef am See Genezareth. Er starb 1966 im Alter von fast 90 Jahren.

In Mannheim erinnert eine Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen Kinderarztpraxis in Q 1, 9 an das Leben und Wirken von Dr. Eugen Neter. Eine Schule im Stadtteil Blumenau trägt seinen Namen. Der Stolperstein wurde im Jahr 2012 vor dem Fröbelseminar (Helene-Lange-Schule), der langjährigen Wirkungsstätte von Dr. Neter verlegt.

 

Text: Marco Brenneisen (MARCHIVUM), Oktober 2020
Adresse

Helene-Lange-Schule/Fröbelseminar (Lindenhof))
68163 Mannheim
Deutschland

Geolocation
49.478501018579, 8.4654349