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Georges Henry

geboren am
Verfolgung

Französischer Zwangsarbeiter

1945 bei einem Luftangriff in Mannheim ums Leben gekommen

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Georges Henry wurde 1925 im lothringischen Vogesenstädtchen Saint-Dié-des-Vosges geboren, wo er aufwuchs, die Schule besuchte und anschließend eine Anstellung als Textilfacharbeiter fand.
Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich 1940 wurde Lothringen faktisch annektiert. Georges Henry wurde zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt (vor 1944) wegen des Besitzes eines Revolvers bei den deutschen Besatzern denunziert und verhaftet. Während der Haft im Gefängnis „La Vierge“ in Epinal sowie in Nancy wurde er schwer gefoltert. Nachdem Henrys Arbeitgeber sowie der deutschsprachige Vater eines Mitgefangenen sich für die Freilassung der Männer einsetzten, wurde Georges Henry aus dem Gefängnis entlassen.

1944/45 wurden Tausende Lothringer zum (Aus-)Bau des Westwalls zwangsverpflichtet. Von August bis November 1944 verübte die auf dem Rückzug befindliche Wehrmacht zusammen mit SS und Gestapo grauenhafte Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung Lothringens und umliegender Regionen, die sie als „Widerstandsnester“ erachtete. Um den Schutzwall-West abzusichern, ordnete der Oberbefehlshaber der Wehrmachtsgruppe G, General Hermann Balck, am 2. November 1944 die „totale Räumung und Zerstörung des Gebiets westlich der West-Stellung“ an. In dem Befehl hieß es wörtlich:

„Dieses Gebiet muss bis zum 10. d.M. [des Monats] völlig von allem lebenden und toten Inventar, das dem Gegner irgendwie von Nutzen sein kann, geräumt werden. In Sonderheit sind zu evakuieren der gesamte Viehbestand, alle Pferde einschl. Geschirr und Fahrzeuge, die Ernte einschl. Heu, alle Lebensmittel.
b) Die wehrfähige Bevölkerung im Alter von 15-60 Jahren ist geschlossen über den Rhein abzutransportieren, während die sonstige Bevölkerung – in einem Ortsteil zusammengefasst – in dem zu räumenden Gebiet zu verbleiben hat. […]
c) Sämtliche Ortschaften (ausgenommen Teile, in denen sich noch die Zivilbevölkerung ... befindet) sind zu zerstören. Der Gegner darf in der kalten Jahreszeit kein wohnliches Haus zur Verfügung haben.“

Mehr als 14.000 Jungen und Männer wurden in der Folge aus den Vogesen zur Zwangsarbeit in den deutschen Südwesten verschleppt, davon 3.800 in Konzentrationslagern inhaftiert. Die Städte und Dörfer in den drei betreffenden französischen Départements wurden von den deutschen Besatzern zuerst ausgeplündert und dann zu weiten Teilen niedergebrannt. Diese Terrorakte mit dem zynischen Codenamen „Aktion Waldfest“ ereigneten sich nur zwei Wochen vor der Befreiung der Region durch die Alliierten.

Aus der Stadt Saint-Dié-des-Vosges und den umliegenden Gemeinden wurden
1.700 Franzosen nach Mannheim verschleppt. Zu ihnen gehörten auch der 19 Jahre alte Georges Henry sowie sein jüngerer Bruder Daniel. Am 8. November 1944 mussten sich alle Männer und Jungen Saint-Diés zwischen 15 und 45 Jahren in der Kaserne Chérin einfinden, von wo aus sie in zwei Zugtransporten über Provenchères bzw. Lesseux nach Mannheim gebracht wurden. Georges und Daniel wurden zusammen mit mindestens 350 anderen Deportierten in der Pestalozzischule (Schwetzingerstadt) untergebracht und zur Zwangsarbeit bei der Joseph Vögele AG auf dem Lindenhof eingesetzt. Georges Henry freundete sich mit dem zwei Jahre jüngeren Roger Toussaint aus Hurbache an, der ebenfalls in der Pestalozzischule untergebracht war und bei Vögele arbeiten musste.
Am 1. März 1945 gab es einen großen Luftangriff auf Mannheim. Als der Fliegeralarm ertönte, blieben Georges Henry und Roger Toussaint zunächst an ihrer Arbeitsstelle, in der Hoffnung, bei dieser Gelegenheit möglicherweise an Lebensmittel zu kommen. Erst als die ersten Bomben fielen, versuchten sie in den Luftschutzraum zu gelangen – doch die Luftschutz-Warte verwehrten ihnen den Zutritt. Die beiden jungen Männer flüchteten daher in den Keller der damaligen Schillerschule in der Speyerer Straße, wo sich heute die Hochschule befindet. Die Schillerschule wurde bei dem Bombardement so stark getroffen, dass Georges Henry und Roger Toussaint verschüttet wurden und ums Leben kamen. Sie wurden auf dem Mannheimer Hauptfriedhof im sogenannten „Franzosenfeld“ beigesetzt.

Die Stolpersteine zum Gedenken an Georges Henry und Roger Toussaint wurden 2015 im Beisein von Familienangehörigen und etwa 40 Gästen aus Saint-Dié vor dem Gebäude der Hochschule verlegt.

 

Text: Marco Brenneisen (MARCHIVUM), Oktober 2020

 

Literaturtipps:
KZ-Gedenkstätte Sandhofen/Association des Déportés de Mannheim, Saint-Dié (Hrsg.): Die Männer von Saint-Dié. Erinnerungen aus Mannheim – Les hommes de Saint-Dié. Souvenirs de Mannheim, Herbolzheim 2000.

Liliane Jérôme: Tod in der Fremde. Zur Erinnerung an die Vogesen-Deportation nach Mannheim 1944/45, Mannheim 2019 [Erhältlich im MARCHIVUM-Shop].

 

Adresse

Speyerer Str. 2 (Almenhof)
68163 Mannheim
Deutschland

Geolocation
49.468773762729, 8.4834536776474