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Paul Reiss

geboren am
Verfolgung

Jüdischer Fabrikant

1938 Flucht in die Niederlande

1944 im KZ Bergen-Belsen gestorben

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Paul Reiss wurde 1880 als zweiter Sohn des Zigarrenfabrikanten David Reiss (1848-1903) und dessen Ehefrau Mina geb. Kehr (1854-1919) in Mannheim geboren und wuchs in der Mannheimer Innenstadt auf. Nach der Mittleren Reife besuchte er eine Privatschule und stieg anschließend in die väterliche Zigarrenfabrik J. Reiss OHG ein, welche sich schon seit 1850 in Familienbesitz befand. Nach dem Tod des Vaters wurde Paul Reiss zu 40 % Teilhaber des Unternehmens, das in den 1930er Jahren mit über 2.000 Beschäftigten und 13 Filialen in Baden, Hessen und Bayern zu den größten Zigarrenfabriken in Mannheim und der Region zählte.

1912 heiratete Paul Reiss Else Regina geb. Reiss; 1916 und 1917 kamen die beiden Söhne Georg David Sally und Peter Paul zur Welt. Die Familie lebte in der Schwetzingerstadt/Oststadt, zuletzt, ab 1927, in der Werderstraße 36.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war die jüdische Familie zunehmenden antisemitischen Repressionen ausgesetzt. Eine „Arisierung“ der Zigarrenfabrik konnte fünf Jahre lang abgewehrt werden, 1938 sahen sich Paul Reiss und seine Mitteilhaber Siegfried und Ludwig Reiss jedoch gezwungen, die Firma an die „arischen“ Unternehmer Julius Schöning und Hermann Tintelnot zu verkaufen.

Paul, Else und Georg Reiss wanderten daraufhin im August 1938 in die Niederlande aus, wohin der jüngere Sohn Peter bereits im Jahr zuvor emigriert war. Paul Reiss gründete in Amsterdam eine Rohtabakhandelsfirma, in der auch Peter tätig wurde. Doch die deutschen Behörden entzogen der wohlhabenden Familie auch nach der Flucht immer mehr die Existenzgrundlage: Insgesamt fast 600.000 Reichsmark musste Paul Reiss bis 1939 in Form von „Reichsfluchtsteuer“, „Judenvermögensabgaben“, Devisen-Gebühren („Dego-Abgabe“) und anderen Belastungen abführen und langwierige Auseinandersetzungen mit deutschen Behörden und Banken auf sich nehmen. Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande wurde die Lage zusehends dramatischer. Im Juni 1941 verhafteten die Besatzer den älteren Sohn Georg und verschleppten ihn in das KZ Mauthausen, wo er nur vier Monate später starb.

Mit der sogenannten „11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ wurde Paul Reiss und seiner Familie das letzte noch verbliebene Vermögen entzogen.

Am 6. März 1943 wurden Paul und Else Reiss nach Westerbork deportiert; Sohn Peter zwei Monate später. Das Ehepaar wurde von dort Mitte Februar 1944 in das KZ Bergen-Belsen verschleppt, wo Paul Reiss am 7. Juni 1944 im Alter von 63 Jahren starb.

Elise und Peter Reiss haben die Schrecken der Lager überlebt.

Der Stolperstein zum Gedenken an Paul Reiss wurde 2015 verlegt.

 

Text: Marco Brenneisen (MARCHIVUM), Oktober 2020

 

Literatur:
Christiane Fritsche: Ausgeplündert, zurückerstattet und entschädigt. Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim, Ubstadt-Weiher u.a. 2013. Darin: Exkurs 14: "Retten, was jetzt noch möglich ist": Die finanzielle Ausplünderung des Paul Reiss, S. 407-414.

Adresse

Werderstr. 36 (Oststadt)
68165 Mannheim
Deutschland

Geolocation
49.483877218583, 8.4808399