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Forschung

schwarz-weiß Karte des KZ-Komplex Natzweiler
Schlussstriche und lokale Erinnerungskulturen - Die "zweite Geschichte" der südwestdeutschen Außenlager des KZ Natzweiler seit 1945 - Teil I

Zwischen 1943 und 1945 existierten auf dem Gebiet der heutigen Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz mehr als 40 Konzentrationslager, die dem KZ Natzweiler (Elsass) als Außenlager zugeordnet waren. Darunter auch das KZ Sandhofen, an das seit 1990 eine Gedenkstätte mit Dauerausstellung erinnert. Wie in Mannheim war die "Nachgeschichte" der meisten Außenlager gekennzeichnet von jahrzehntelangem Beschweigen und Verdrängen, ehe in den 1980er vielerorts Initiativen zur dauerhaften Erinnerung und Dokumentation der lokalen NS-Geschichte entstanden.

Der "KZ-Komplex Natzweiler"

Insgesamt mehr als 52.000 Menschen aus nahezu allen Ländern Europas waren von 1941 bis 1944 in dem in den elsässischen Vogesen gelegenen Konzentrationslager Natzweiler und seinen über 50 Außenlagern im Elsass, in Lothringen und vor allem in Südwestdeutschland inhaftiert – die Mehrzahl davon ausschließlich in den Außenlagern, welche rechtsrheinisch von Offenburg bis in die Ostalb und von Frankfurt bis in den Kreis Tuttlingen reichten. Während das Stammlager Natzweiler und die linksrheinischen Außenlager bereits ab dem Spätsommer 1944 aufgrund des raschen Vorrückens der Alliierten "evakuiert" wurden, bestanden die meisten rechtsrheinischen Lager bis ins Frühjahr 1945 und wurden erst wenige Tage oder Wochen vor dem Einmarsch der Alliierten geräumt. Am 7. April 1945 wurde das KZ Vaihingen/Enz als einziges Lager im KZ-Komplex Natzweiler von der französischen Armee befreit. Mindestens 15.000 Häftlinge des Natzweiler-Komplexes kamen in den Terrorstätten der SS sowie auf Todesmärschen und Evakuierungstransporten ums Leben.

Der KZ-Komplex Natzweiler © LpB BaWü

Die südwestdeutschen Lagerorte in der Nachkriegszeit

Das Beschweigen und Verdrängen der KZ-Außenlager durch die örtliche Bevölkerung setzte meist bereits mit der Räumung des jeweiligen Lagers, spätestens aber nach Kriegsende ein. Die baulichen Überreste der Konzentrationslager wurden bald beseitigt oder anderweitig nachgenutzt; in Mannheim und Neckarelz, wo sich KZ-Außenlager in Schulgebäuden befunden hatten, wurden diese Gebäude wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt; in Bruttig an der Mosel wurden Wohnhäuser auf den Fundamenten der ehemaligen Häftlingsbaracken errichtet, andere Gelände wurden aufgeforstet. In Haslach im Kinzigtal scheute man noch Anfang der 1970er Jahre nicht davor zurück, eine Mülldeponie auf dem Gelände des einstigen Konzentrationslagers zu bauen. In den Ortschroniken tauchte das Konzentrationslager in den folgenden Jahrzehnten nur selten auf, und das Gedenken und Erinnern an die Opfer der Lager blieb lange Zeit den Überlebenden, Angehörigen von KZ-Opfern sowie den Alliierten überlassen.

In der Nachkriegszeit befanden sich 23 der südwestdeutschen Lager-Standorte (darunter Mannheim) in der amerikanischen Besatzungszone, 16 in der französischen Zone. Der Umgang der französischen und amerikanischen Besatzungsbehörden mit den KZ-Außenlagern unterschied sich dabei deutlich und bildete auf unterschiedliche Weise oft die Grundlage der weiteren Rezeption des jeweiligen Konzentrationslagers in den folgenden Jahren und Jahrzehnten.

Für die US-Amerikaner, die keine eigenen Opfer unter den KZ-Häftlingen zu beklagen hatten, war die Schaffung von Gedenkstätten, die würdige Gestaltung von KZ-Gräbern und die Errichtung von Erinnerungsmalen angesichts der immensen Herausforderungen der Nachkriegszeit von untergeordneter Priorität. In Bezug auf die Außenlager des KZ Natzweiler lässt sich feststellen, dass die US-Militärregierung schon wenige Monate nach Kriegsende die Pflege der KZ-Gräber – man muss sagen: allzu gutgläubig – den im Entstehen begriffenen neuen deutschen Behörden anvertraute. Dass diese sich der Verantwortung mehrheitlich entzogen, gilt mit wenigen Ausnahmen sowohl für die amerikanische wie auch die französische Besatzungszone.

In der US-Zone hatte dies zur Folge, dass in den ersten Nachkriegsjahren nur in seltenen Fällen Erinnerungsmale für die KZ-Opfer errichtet wurden. Ohnehin bedurfte es in beiden Zonen häufig erst des Hinweises von Überlebenden, um die Besatzungsbehörden auf die KZ-Außenlager aufmerksam zu machen. Viele Außenlager, an deren Stätte keine Überlebenden zurückkehrten, um sich für Erinnerungsmale und die Pflege der Gräber einzusetzen, gerieten so rasch in Vergessenheit. Dies gilt insbesondere für jene Lager, in denen ausschließlich polnische oder osteuropäische Menschen inhaftiert waren, welche bald nach dem Krieg hinter dem "Eisernen Vorhang" verschwanden und bis in die 1990er Jahre kaum die Möglichkeit hatten, sich in Westdeutschland Gehör zu verschaffen.

Für die französische Besatzungszone zeigt sich im Frühjahr 1945 eine völlig andere Ausgangslage als für die amerikanischen Befreier: Die Suche nach den etwa 90.000 Französinnen und Franzosen, die in deutsche Konzentrations- und Zwangsarbeitslager verschleppt worden waren, galt als nationale Aufgabe. Erklärtes Ziel war es nicht nur, den Überlebenden schnellstmöglich die Rückkehr nach Frankreich zu ermöglichen, sondern auch, den getöteten Landsleuten würdige Grabstätten zu verschaffen.

Aus nachvollziehbaren Gründen misstrauten die französischen Militärbehörden diesbezüglich der Lauterkeit der Deutschen, wurden stattdessen selbst aktiv und ordneten in einigen Fällen Bürgermeister- und Landratsämtern unter Strafandrohung an, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen. In vielen Orten ehemaliger Natzweiler-Außenlager in der französischen Besatzungszone wurden daher schon in den ersten Nachkriegsjahren KZ-Massengräber geöffnet, Exhumierungen durchgeführt und aufwändige Versuche unternommen, mittels verfügbarer Listen die Opfer zu identifizieren. Da sich diese Identifizierungen jedoch äußerst schwierig gestalteten, wurden die Toten meist vor Ort wiederbeigesetzt, neue Grabanlagen geschaffen und KZ-Friedhöfe angelegt. Auf die regelmäßige Pflege dieser Friedhofsanlagen durch die deutschen Behörden wurde von der französischen Militärregierung großen Wert gelegt. Nach Gründung der Bundesrepublik, insbesondere in den Jahren 1952-1954, wurde die französische "Gräbermission" darüber hinaus auch in der vormaligen US-Zone aktiv und führte Exhumierungen in mehreren Orten durch; sie schuf bzw. erneuerte Grabanlagen und Friedhöfe und errichtete erste Erinnerungstafeln und Gedenksteine.

Der von der französischen Militärregierung errichtete KZ-Friedhof Bisingen im Jahr 1947 © Museum Bisingen/KZ-Gedenkstätte

Dieser Blog-Beitrag wird am Mittwoch, 2. September fortgesetzt.
 

Veranstaltungshinweis:
Buchpräsentation und Gespräch "Schlussstriche und Erinnerungskulturen" am Mittwoch, 9. September 2020 um 18 Uhr im MARCHIVUM. Bitte um Voranmeldung.

 

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