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Nachlasswelten

Besuch des Großherzogs zur Jubiläumsausstellung 1907
Friedrich Walter - bedeutsam für Stadt und Geschichte

Prof. Dr. Friedrich Walter, geboren im September 1870 – also vor 150 Jahren – ist Zeitzeuge der zweiten großen Blütezeit der Stadt Mannheim, als Mannheim zur Industriemetropole wurde, Großstadt und kulturelles Zentrum und zugleich ein "Vorort" der Kräfte, die für eine demokratische Gesellschaft kämpften.

Seine Lebensspanne umfasst das Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie den Wiederaufbau in der jungen Bundesrepublik – und bis auf die Ära des "Dritten Reiches" war er im gesellschaftlich-kulturellen Bereich stets aktiv mitgestaltend.

Walter stammte aus einer protestantischen Handelsfamilie und genoss Erziehung und Bildung im großbürgerlich-liberalen Milieu. Nach dem Abitur am damaligen Lyceum, dem heutigen Karl-Friedrich-Gymnasium, sowie dem Studium der Klassischen Philologie und Geschichte in Heidelberg und Bonn kehrte er, frisch promoviert, nach Mannheim zurück und war seit 1893 Lehramtspraktikant am Gymnasium.

Seine Leidenschaft galt der Geschichte und dem Theater, und für beides fand er Betätigung im Mannheimer Altertumsverein, in dessen Auftrag er das Archiv und die Bibliothek des Nationaltheaters neu ordnete und eine Geschichte des Theaters und der Musik am kurpfälzischen Hof verfasste.

Sein Fleiß, seine Kenntnisse und nicht zuletzt seine literarischen Fähigkeiten verschafften ihm 1900 den Auftrag, das Stadtarchiv neu zu ordnen und für das 300. Stadtjubiläum 1906/1907 eine dreibändige Geschichte der Stadt zu schreiben. Als Anerkennung für diese Leistung wurde er 1907 städtischer Beamter mit einer Fülle von Aufgaben: Leitung des Stadtarchivs als erster hauptamtlicher Archivar, Leitung der städtischen Bibliothek, Aufbau des Museumswesens und Chef des Presse- und Nachrichtenamts. Damit nicht genug, übernahm er für den Altertumsverein die Herausgabe der Mannheimer Geschichtsblätter und für den Verkehrsverein die "Propaganda" für Mannheim als Handelszentrum und Kulturmetropole.

Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn war 1926 die Eröffnung des "Schlossmuseums", das in den barocken Prunkräumen die Stadtgeschichte und Kulturgeschichte in einem breiten Rahmen präsentierte. Als bedeutendste Sonderausstellungen wurden diejenigen zum 150. Jubiläum des Nationaltheaters und 1929 zur Demokratischen Revolution von 1848/49 überregional gewürdigt.

Friedrich Walter, 1927, Radierung

Friedrich Walter war Zeit seines Lebens engagierter Demokrat und Vertreter einer liberalen Bildungs-und Kulturpolitik – offen z.B. auch für sozialdemokratische Gedanken. Er war ein Vertreter der Aussöhnung mit Frankreich und klarer Gegner von Militarismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus.

Dafür musste er schon vor 1933 Anfeindungen erleben, auch weil er seit 1928 mit Alice Darmstädter verheiratet war – aus der Sicht des NS-Regimes eine "Mischehe". Nach seiner regulären Versetzung in den Ruhestand zogen sie nach Heidelberg, wo sie dem Luftkrieg und 1945 auch noch der letzten Deportation von Partnern aus "Mischehen" entgingen.

Der Untergang der Bausubstanz seiner Heimatstadt und vieler kultureller Schätze wie dem Schloss, dem Nationaltheater und dem Rathaus samt Stadtarchiv traf ihn hart und noch im hohen Alter bemühte er sich, den Wert des Vergangenen und des demokratischen Erbes im Aufbau der Bundesrepublik präsent zu halten.
1949 wurde er – gemeinsam u.a. mit Florian Waldeck – Ehrenbürger und legte 1950 und 1952 noch einmal zwei Bände zur Geschichte der Stadt Mannheim vor.

Ehrenbürgerurkunde Friedrich Walters, 1949

Als er im November 1956 in Heidelberg verstarb, wurde er nicht nur als der bedeutendste Historiker der Stadt gewürdigt, sondern auch als Repräsentant der bürgerlichen Blütezeit und der liberalen Kultur. Auch das MARCHIVUM hält die Erinnerung an ihn wach, indem der Vortragssaal, der gleichzeitig eine wichtige Begegnungsstätte für historische und politische Diskurse ist, den Namen Friedrich-Walter-Saal trägt.


Friedrich Walter – ein gewichtiger Nachlass

Aus dem Lebenslauf ist erkennbar, wie umfangreich Friedrich Walters Engagement in der Mannheimer Kulturwelt war. Sicher gäbe es viele Nachlässe aus dem Mannheimer Großbürgertum, die diese Welt widerspiegeln würden – wenn sie denn den Bombenkrieg überstanden hätten. Das Ausweichen nach Heidelberg hat den Nachlass Walter überleben lassen.

Der Nachlass Walter umfasst 1.024 Einheiten mit einem Umfang von rund 3,5 laufende Meter. Bei den Materialsammlungen greift er weit in die Vergangenheit zurück, die letzten Dokumente entstanden kurz vor seinem Tod.

Die erste Hauptgruppe "Persönliches und Handakten" umfasst Unterlagen aus dem privaten und familiären Bereich und kann durchaus als repräsentativ gelesen werden für einen typischen großbürgerlichen Lebenslauf. Schule, Studium, Lehramtszeit und der berufliche Werdegang bei der Stadtverwaltung Mannheim sind dokumentiert, dazu Familiengeschichtliches und sein Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg in Frankreich.

Die Arbeit für die Stadt zeigt sich in vielen Denkschriften, so zum Museum- oder zum Bibliothekswesen, die wegen des Verlusts der städtischen Akten nur auszugsweise überliefert waren. Seine Mitarbeit in zahlreichen Vereinen, Kommissionen und Gremien ist ebenfalls bei den Handakten dokumentiert – auch hier sind es damit zumindest einzelne Schreiben, die Einblick in das Vereinsleben erlauben. Seine privaten Aktivitäten spiegeln sich in Land- und Wanderkarten, oft mit Einträgen, und vor allem in einer Vielzahl von Photographien, die gerade für die Zeit vor 1900 Unikate sind.

Die umfangreiche zweite Hauptgruppe der "Manuskripte und Veröffentlichungen" gibt die breite Themenpalette wieder, die Friedrich Walter beschäftigt hat und die weit über die reine Stadtgeschichte hinausgehen. Hier beweist sich Walter als Historiker, der sich von nationalen Vorurteilen weitgehend befreit hat mit einer Blickweite, die für einen im Kaiserreich ausgebildeten Historiker erstaunlich ist.

Bis in die letzte Lebensphase hinein arbeitete Walter an seiner Materialsammlung, den "Werkpapieren", erkennbar auch daran, dass sein letztes, nicht mehr vollendetes Werk, ein "Lexikon der bildenden Künstler von Mannheim, Heidelberg etc" nur noch als umfangreiche Materialsammlung erhalten ist. Diese Werkpapiere haben eine besondere Bedeutung, weil er in jahrzehntelanger Arbeit in den Archiven Unterlagen eingesehen und exzerpiert hat, die im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden; so hat ein Teil dieser Unterlagen die Eigenschaft als Ersatzüberlieferung.

Friedrich Walter, ohne Datum

 

 

 

 

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