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NS-Zeit

Bild schwarz-weiß des Banketts der Distriktkonferenz in Wiesbaden, 1935
Freundschaft unter Druck. Zur Geschichte des Rotary Clubs Mannheim (1930-1950) und seiner Gründungsmitglieder

Wir konnten ein interessantes Interview mit Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer zur Neuerscheinung „Freundschaft unter Druck. Zur Geschichte des Rotary Clubs Mannheim (1930-1950) und seiner Gründungsmitglieder" führen, welche sich intensiv mit der Rolle des Mannheimer Clubs während der NS-Zeit auseinandersetzt.

Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer

Herr Professor Hauptmeyer, Sie leiten einen Kreis von nicht weniger als 65 Expertinnen und Experten, die die Geschichte Rotarys in der NS-Zeit aufarbeiten wollen. Wie kam es dazu?

2015 erschien ein Aufruf im Rotary Magazin von Kurt-Jürgen Maaß zur Mitarbeit. Er fragte sinngemäß: Wie gehen wir eigentlich damit um, wenn amerikanische Freunde uns fragen, ob wir wüssten, dass ihre Großväter vor den Nazis ausgewandert sind oder ein israelitischer Freund uns vom Tode seines Vaters im Holocaust erzählt, und sie uns fragen, was wissen wir darüber? Da begriff ich, dass anders als in vielen deutschen Unternehmen, die Geschichte dieser Organisation noch keineswegs aufgearbeitet ist. Und da habe ich mich gemeldet und schon hatte ich die Leitung inne.

Und ist dann die Aufarbeitung inzwischen rasch vorangekommen?

Wenn Sie glauben, dass die Rotary Clubs 2015 freudig auf diesen Zug aufgesprungen wären, so irren Sie. Selbst der deutsche Governorrat hat es bis zu diesem Jahr nicht für nötig befunden, obwohl wir mit der Bitte an ihn herangetreten waren, uns zu unterstützen; und dies obgleich in diesem Expertenkreis eine Reihe von Personen sind, die einen Namen in der Zeitgeschichtsforschung haben.

Palasthotel Mannheimer Hof, Treffpunkt des Rotary Clubs Mannheim, um 1930

Das heißt, die Abwehr Rotarys gegen dieses Thema war weiterhin stark. Zwar hatte schon Anfang der 1960er Jahre Friedrich von Wilpert zahlreiche Akten über Rotary in der NS-Zeit zusammengestellt, doch er war nicht erfolgreich damit, dieses Buch publizieren zu können. Es ist erst im Jahr 1980 ohne Zustimmung des Governorrats publiziert worden. Und als der Länderausschuss Deutschland – Israel 2012 die ca. 40 Altclubs in Deutschland anschrieb, die sich 1937 auflösten, wie es denn um die jüdischen Mitglieder gestanden habe, hat nur ein Drittel der Clubs mit detaillierten Ausführungen geantwortet. Ein weiteres Drittel hat geantwortet: "Ja, hier kennen wir ein paar Namen." Ein weiteres Drittel der Clubs hat gar nicht geantwortet.

Ist das nicht verwunderlich?

Nein, denn die Auseinandersetzung mit und die Aufarbeitung der NS-Zeit ist in der Nachkriegszeit ein ausgesprochen schwieriges Thema gewesen. Zur rotarischen Nachkriegsgeschichte gehört, dass eine Vielzahl derjenigen, die nach 1945 die Bundesrepublik Deutschland aufbauten – ein Staat, der heute einer der besten Rechtsstaaten der Welt ist, eine der am besten funktionierenden Demokratien der Welt hat, ein Staat von sozialer Sicherheit –, dass sehr viele von diesen Rotariern eine Vergangenheit hatten, die intensiv mit diesem NS-Staat verbunden war. Dies zeigt auch die neue Veröffentlichung sehr gut.

Welche Rolle spielten denn die Mannheimer Rotarier in der NS-Zeit?

Sie können der Neuerscheinung entnehmen, wie manche Männer gerungen haben damit, sich freiwillig sofort anzupassen, nicht nur durch eine Parteimitgliedschaft, sondern indem sie auch hohe Ämter im Nationalsozialismus übernahmen. Andere wiederum, die keine Ämter im Nationalsozialismus annahmen, unterstützten trotzdem nachdrücklich den Nationalsozialismus.

Wasserturm mit Hakenkreuzfahne, 1930er Jahre

Und dann wiederum finden Sie andere, die hin und her überlegten, wie weit kann man sich anpassen, wie weit darf das geschehen, was an schlimmen Taten geschah. Ich finde an dem Buch so faszinierend, dass diese Vielfalt, dieser Facettenreichtum ausgedrückt wird; und zwar in dem Teil insbesondere über die Gründung des Clubs 1930 bis zu der mehr oder minder erzwungenen Selbstauflösung im Jahr 1937.

Oberbürgermeister Hermann Heimerich, einer der Gründungsväter des Rotary Clubs Mannheim

Was fiel Ihnen bei diesem Buch besonders auf?

Es ist auch insofern ein tolles Buch, weil es nicht so höchst voluminös ist wie das Buch von Paul Erdmann über die Rotary Clubs von Stuttgart und München – und weil es gleichsam auf fünf Ebenen zu lesen ist. Wenn man hineinschaut, sieht man zunächst einmal die Bilder. Man kann sodann über die Bildunterschriften, die zweite Ebene sozusagen, eine ganze Menge lernen über diesen Club. Und dann gibt es die dritte Ebene selbstverständlich: der Text. Und wer noch mehr wissen will, der schaut einfach in das Kleingedruckte hinein, also die Fußnoten, die Anmerkungen. Und die fünfte Ebene war bereits die Ausstellung über den Club im MARCHIVUM, die ich leider nicht habe sehen können, aber mir im Internet angeschaut habe.

Blick in die Ausstellung

Was empfehlen Sie an dem Buch noch?

Ich hoffe, ich habe Ihnen deutlich gemacht, dass es eine besondere Publikation ist, gerade in der Kürze, in der Zusammenstellung, wie es sie vergleichsweise noch nicht gibt. Und vor allem mit den sehr lesenswerten Biographien, die darin enthalten sind. Aber ich will so wenig wie möglich über das Buch im Detail sagen, denn es soll ja gelesen werden. Es lohnt sich!

Herr Professor Hauptmeyer, vielen Dank für das Gespräch!

Näheres zum von Professor Hauptmeyer geleiteten Expertenkreis finden Sie auf der Internetseite des Projekts.

Neuerscheinung:
Ulrich Nieß, Karen Strobel: Freundschaft unter Druck. Zur Geschichte des Rotary Clubs Mannheim (1930-1950) und seiner Gründungsmitglieder. Mannheim, 2020. Schriftenreihe MARCHIVUM Nr. 5. ISBN 978-3-9821329-2-1. Preis: 25 €, erhältlich im Buchhandel oder in unserem Online-Shop

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