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Stadtgeschichte

Bill Haley und Elvis Presley geben sich vergnügt die Hand.
Ein Kleinod der Mannheimer Pop-Geschichte: Als sich der King of Rock ’n’ Roll im Universum die Ehre gab

Das angekündigte Konzert war ganz nach dem Geschmack der rhythmushungrigen Nachkriegsjugend: Bill Haley, der Mann mit der Sechser-Locke auf der Stirn, Schöpfer des Rock ‘n Roll und Chartstürmer („See you later Alligator“, „Rock around the Clock“) kommt nach Mannheim!

 
Bill Haley und sein „Kometen“-Saxophonist Rudy Pompilli heizen dem Mannheimer Publikum ein.

Dies war für sich schon eine Sensation auf einer deutschen Bühne; aber auch der Tanzkappellenkönig Kurt Edelhagen mit seinem Orchester, die als Einheizer das Vorprogramm spielten, galten als regelrechte Superstars ihrer Zeit. Mit von der Partie war damals schließlich noch der schlagernde Bill Ramsey mit seiner Reibeisenstimme, der freilich noch ganz am Anfang seiner Karriere stand und erst in den 60ern richtig durchstarten sollte. Mit diesem hochkarätigen Line-up hatte die Mannheimer Konzertagentur von Heinz Hoffmeister einmal mehr einen Volltreffer gelandet und alleine dies hätte genügt, um den Abend des 24. Oktobers 1958 zu etwas Besonderen zu machen. Aber das eigentliche Highlight kam, als sich der Vorhang gesenkt und der Saal längst geleert hatte – denn das offizielle Programm hatte sein ganz eigenes „Nachspiel“, hinter der Bühne.


Annonce zum Haley-Konzert im Mannheimer Morgen.

Dort nämlich hatte kein Geringerer als Elvis Presley, der gutaussehende Shooting-Star aus Tupelo/Mississippi (damals erst 23 Jahre alt aber schon längst Platten-Millionär) hüftwiegend das Konzert seines Freundes Bill verfolgt, was freilich die knapp 1.100 jungen Zuschauer im Universum-Theater in N 7 nicht ahnen konnten. Längst hatte der US-Boy Musikgeschichte geschrieben und der Welt Songs wie "Heartbreak Hotel“, "Hound Dog“, "Blue Suede Shoes“ oder "Love me Tender“ geschenkt, allesamt Nummer-Eins-Hits in den USA. Elvis‘ Blitzbesuch in Mannheim fällt – so haben es seine Biografen herausgearbeitet – in eine besondere Phase seines Lebens, geprägt von großen Umbrüchen und vielen neuen Eindrücken: Erst gut drei Wochen zuvor (am 1. Oktober) war Presley in Germany angekommen, um im hessischen Friedberg seinen Wehrdienst abzuleisten. Jetzt suchte der berühmteste G. I. der US-Armee Zerstreuung und kam zum Spontanbesuch ins Universum.


Shake-Hands der Legenden: Wenn Bill Haley (l.) als der Schöpfer des Rock ’n Roll genannt werden kann, so war Elvis Aaron Presley gewiss dessen ultimative Verkörperung – eben der „King“.

Die Handvoll Auserwählten, die nach dem offiziellen Teil noch im Kino waren, sollten einen magischen und – dieses Prädikat darf hier vergeben werden – auch historischen Moment erleben: Elvis mit Gitarre und am Klavier gibt in Begleitung von Haley‘s Comets aus seinem Repertoire zum Besten. Diese Jam-Session ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil Elvis damit das von seinem Management verhängte Auftrittsverbot umging, das während seiner Zeit in der Army gelten sollte. Seine Improvisation ist aber auch deswegen eine Preziose, weil er niemals in Europa und Großbritannien touren sollte, sondern seine Auftritte auf die USA (einschließlich der legendären Hawaii-Show 1973) und Kanada beschränkte. Bislang war innerhalb der Elvis-Forschung immer nur von einem Spontan-Gig die Rede, der an einem Dezemberabend des Jahres 1958 in der „Micky Bar“ zu Grafenwöhr (dort hielt sich Presley mit seiner Einheit während eines Manövers auf) stattgefunden haben soll, wofür es aber weder ein genaues Datum noch Bilder, dafür aber (sich widersprechende) Zeugenaussagen gibt.
Ganz anders der Auftritt in Mannheim, der glasklar dokumentiert ist und von dem es sogar – dank des umtriebigen und einem „Riecher“ für solche Ereignisse ausgestatteten Fotografen Günther Thomas (1921-2015) – Bildmaterial gibt, das heute im MARCHIVUM verwahrt ist. Jedenfalls gilt auch hier: „Monnem vorne“, handelt es sich doch – so viel ist gewiss – um den ersten aktenkundigen Auftritt vor (wenn auch kleinem) Publikum, den Presley außerhalb der Staaten gab.


Lässig: Elvis begleitet sich selbst am Klavier.

Zunächst waren es nur gut ein Dutzend Zuhörer, die Zeugen der Begebenheit wurden, dann kamen aber doch noch viele von den Klängen angelockt zurück und umlagerten den Star, der jetzt erkannt war, ließen sich mit ihm fotografieren, ergatterten Autogramme. Schließlich verschwand der King wieder so rasch, wie er gekommen war. Die Nachricht vom Besuch Presleys in Mannheim machte tags darauf überall die Runde und viele haderten damit, die Chance zur Begegnung mit ihrem Idol verpasst zu haben.


Karikatur aus dem Mannheimer Morgen vom 25. Oktober 1958.

Während des Konzerts, das kurzfristig vom Musensaal in das Universum verlegt worden war, ging es im Übrigen sehr gesittet zu – was seitens der Veranstalter und der Polizei so nicht unbedingt erwartet worden war. Die Konzertagentur Hoffmeister hatte extra noch eine Sachversicherung über 30.000 DM abgeschlossen, denn mehrere Saalvermieter hatten befürchtet, dass die Bestuhlung nach dem Konzert erneuerungsbedürftig sein könnte.
Diese Befürchtungen bewahrheiteten sich indes nicht und der Polizei, die sich in Erwartung von Ausschreitungen gründlich vorbereitet hatte, blieb ein Eingreifen erspart. Nach dem denkwürdigen Mannheim-Gig kam es allerdings bei mehreren Auftritten der „Kometen“ zu wüsten Halbstarken-Krawallen, womit der Ruf Haleys nachhaltig ramponiert war. Besonders der Auftritt im Berliner Sportpalast (25. Oktober 1958) geriet völlig aus den Fugen und mündete in eine regelrechte Saalschlacht, die ein robustes Vorgehen der berittenen Polizei verlangte und einen Konzertabbruch nach sich zog. Berlins regierender Bürgermeister Willy Brandt sprach damals von einem „blamablen Auswuchs jugendlichen Aktivitätsdranges“.
Letzten Endes waren diese Negativerfahrungen und eine zunehmend gegen Pomade und Petticoat gereizte Öffentlichkeit ursächlich dafür, dass eine bereits geplante Presley-Tour in Deutschland flachfiel, denn viele Konzertveranstalter befürchteten ähnliche Exzesse, würde der Becken-Solist („Elvis the Pelvis“) auf deutschen Bühnen auftreten. So blieb die Improvisation des „Kings“ dessen einziges Gastspiel in Mannheim – und nur wenigen Glücklichen war es vergönnt, etwas vom Glanze dieses Sterns abzubekommen, den Leonard Bernstein später einmal als „die größte kulturelle Kraft des 20. Jahrhunderts“ bezeichnen sollte.

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