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Stadtgeschichte

Kinder vor dem Schriftzug "Benz-Baracken 1928 - 1978"
Am Rande der Stadt - Der Hintere Riedweg

Offiziell wurden sie als „Kleinstwohnungen“, „Notwohnungen“ oder auch „Behelfsbauten“ bezeichnet. Zur Entschärfung der großen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg wurden in direkter Nachbarschaft zum Benz-Werk in der 65. Sandgewann 1926 bis 1928 zunächst acht Wohnbaracken vom städtischen Hochbauamt errichtet. Diese Nähe zur Fabrik brachte ihnen schnell den Namen „Benzbaracken“ ein.

Nach Abschluss dieses ersten Bauabschnittes entstand schließlich eine neue Straße in Mannheim, die fortan Synonym mit den sogenannten „Benzbaracken“ sein würde. Der Hintere Riedweg wurde am 26.4.1928 ins Mannheimer Straßenverzeichnis aufgenommen. Im Jahr 1930 müssen dann noch einmal „fünf neue steinerne Baracken“ mit 62 Wohneinheiten hinzugekommen sein, sodass dort nun 166 Wohnungen waren. Dieser zweite Bauabschnitt, so legt es ein Artikel der Neuen Mannheimer Zeitung vom 19.9.1930 nahe, wurde als Ersatz für die weitaus schlimmere Barackensiedlung am Ulmenweg durchgeführt. Hier hatten sich Menschen im ehemaligen Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Die Wohnungen am Hinteren Riedweg werden in der Zeitung als spürbare Erleichterung für die neuen Bewohner bezeichnet.

Frühe Aufnahme der neuen Steinbaracken mit Mittelzeile und Gartenparzellen. MARCHIVUM.

Die vergleichsweise neue Siedlung war so aufgebaut, dass sich immer zwei Wohnblöcke gegenüberlagen und sich eine hölzerne Mittelzeile, die als Kellerersatz und Gemeinschaftstoilette diente, teilten. Hinter den Wohnblöcken war Platz um Kleintiere zu halten oder Gemüse zu pflanzen. Wie hoch die Bewohnerzahl war, lässt sich nicht mehr eindeutig bestimmen. Verschiedene Zahlen kursieren dazu. Der Zeitungsartikel „Barackenstadt des Elends“ vom 17.12.1932 nennt rund 150 Familien in 16 Wohnblocks. Wohnbauexperte Walter Pahl nennt 1050 Menschen in 231 Wohnungen nach dem zweiten Bauabschnitt. Wie und wann, welche Baracke abgerissen wurde oder hinzugekommen ist, ist mit heutigen Quellen nur schemenhaft nachzuzeichnen. Fakt ist jedoch, dass die Siedlung auch nach damaligen Begriffen massiv überbelegt war.
In den 1930ern hatten es sich die Nazis auf die Fahne geschrieben, die zahlreichen Baracken- und Elendssiedlungen abzureißen. Dass die „Benzbaracken“ als einige der wenigen diese Bemühungen überstand, lag daran, dass sie unter den Elendssiedlungen noch eine der besseren waren. Im Hakenkreuzbanner vom 30.11.1937 ist zu lesen, dass bereits 58 Wohnungen am Hinteren Riedweg geräumt und nun noch 144 Wohnungen übrig seien. Teilweise habe man diese Wohnungen aber wieder belegen müssen, da man Wohnorte für die nun durch Räumung wohnungslos gewordenen Bewohner der Spelzengärten und anderer weitaus schlimmerer Siedlungen benötigte.

Der Hintere Riedweg von oben in den 1960ern. MARCHIVUM.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die deutschen Großstädte von einer ähnlichen Wohnungsnot wie nach dem Ersten Weltkrieg gezeichnet. Infolge des Krieges kamen auch die Baracken unter Beschuss und wurden schließlich saniert. Man baute Toiletten direkt an die Häuser an, sodass die Mittelzeilen voll und ganz als Abstellkammern genutzt werden konnten und ersetzte die meisten Holzbaracken durch Steinbaracken. Auch schaffte man durch Durchbrüche größere Wohnungen für große Familien.
Wie nach dem Ersten Weltkrieg waren es nun ebenfalls vor allem Kriegsgeschädigte, die durch Vermittlung der Gemeinnützigen Baugesellschaft (GBG) an den Hinteren Riedweg zogen. Nun jedoch gehörten die „Benzbaracken“ zu den schlimmsten Siedlungen der Stadt und die städtische Wohnungsbaugesellschaft reagierte in gleicher Weise wie schon in den 1920ern. Sie baute „Einfachstwohnungen“ zur Auflockerung der sozialen Brennpunkte. Wie an anderen Ecken, entstanden nun auch an der Oberen Riedstraße sogenannte „Laubenganghäuser“, die dadurch definiert sind, dass die Wohnungen über ein außenliegendes Treppenhaus und Laubengänge zu erreichen sind. In den Kellern waren Gemeinschaftsbäder und –toiletten, sodass auch diese Häuser in den kommenden Jahrzehnten wieder durch Häuser höheren Standards ersetzt oder zumindest saniert wurden.