Breadcrumb-Navigation

Stadtgeschichte

Familienbogen Straube
Von Mut und Ehre. Einblick in die Mannheimer Duellkultur des 19. Jahrhunderts

Das Duell mit seinen Regeln und der Assoziation zu Begriffen wie Ehre und Tod wird bis heute als kulturhistorisches Phänomen wahrgenommen und war nur den satisfaktionsfähigen Mitgliedern einer Gesellschaftsschicht vorbehalten.

Die Satisfaktionsfähigkeit umschrieb vor allem einen "besonderen Ehrenkodex, dass außer der feudalen Oberschicht auch das Offizierskorps, die höheren Beamten und ab Ende des 18. Jahrhunderts das akademisch gebildete Bürgertum ständisch integrierte […]". Das Duell galt somit lange als "Privileg der feudalen Elite und war daher auch Symbol für die Zugehörigkeit zur aristokratischen Gesellschaft". Neben dem Adelsstand mit der Verteidigung der persönlichen Ehre fand das Duell eine ebenso starke Ausprägung im Offizierskorps, dem vor allem die Verteidigung der Kollektivehre oblag.

Das Duell Köster vs. Scheele

Tatzeit: 25. November 1886. Tatort: Käfertaler Wald. Tat: Duell. Es handelte sich um den Zweikampf zwischen dem Bankdirektor Wilhelm Köster und dem Seconde-Lieutenant Edmund Scheele vom hiesigen Dragonerregiment. Lieutenant Scheele wurde getötet. Gegenstand dieses Duells war der Treuebruch Edmund Scheeles, Kösters mutmaßlichem Freund, und dessen Liaison zu seiner Ehefrau. Das Duell zwischen Köster und Scheele entpuppte sich zu dieser Zeit als medienwirksam, bestimmten die darauffolgenden Geschehnisse die Boulevardblätter doch bis ins Jahr 1894.

 Wilhelm Köster senior (1825-1892)

Wilhelm August Hyppolit Köster wurde am 21. Dezember 1854 in Mannheim geboren, stammte aus einer Bankiersfamilie und war Seconde-Lieutenant der Reserve beim Schleswig-Holsteinischen Ulanen-Regiment Nr. 15. Der Vater, Carl Heinrich Wilhelm Köster, gründete im Jahr 1856 das Bankhaus Köster & Co in Mannheim.

In den Jahren 1876 bis 1878 hielt sich Köster junior vor allem in Frankreich und Amerika auf und wurde zum Konsul der Argentinischen Republik und der Vereinigten Staaten von Venezuela ernannt. Wilhelm Köster heiratete Anthonia Maria Dyserinck am 23. September 1880 in Haarlem, Niederlande. Die Ehe wurde nach der Mesalliance der Ehefrau und nach dem Duell, das mit dem Tod des Geliebten Edmund Scheele endete, laut Urteil des Großherzoglichen Oberlandesgerichts zu Karlsruhe vom 30. Oktober 1888 geschieden. Köster wurde nach kurzer Festungshaft von Kaiser Wilhelm I. begnadigt und erhielt nach der Scheidung im Jahr 1889 das Sorgerecht für seine Kinder.

Kösters Kontrahent Rudolf Alexander Wilhelm Edmund Scheele wurde am 18. März 1862 in Stettin als Sohn des Kommerzienrats Rudolf Scheele und seiner Ehefrau Ida Brock geboren. Er war Seconde-Lieutenant beim hiesigen Dragoner-Regiment Nr. 20. Am 26. November 1886 wurde seine Leiche nach Stettin überführt. Ein Ehrengeleit zum Bahnhof fand unter der Anwesenheit der in Mannheim garnisonierenden Eskadronen und sämtlicher Offiziere statt.

Am 2. Dezember 1886 veröffentlichte der Generalanzeiger den Artikel "Das Opfer eines Mißverständnisses? Ein Rückblick auf das Duell Köster-Scheele" und reagierte damit auf die Gerüchte, die in der Absicht verbreitet wurden, Köster in der öffentlichen Meinung zu diffamieren: "Das Duell ist das Vorrecht gewisser Stände, es ist aber auch denjenigen, welche diesen Ständen angehören, zur Pflicht gemacht, mit ihrem Leben für ihre Ehre einzutreten". Weiter wurde angeführt, dass Köster nach "Erledigung der vorgeschriebenen Formalien den treulosen Freund fordern" und dieser daraufhin die Forderung annehmen musste. Treulosigkeit und Verführung der Ehegattin waren der höchste Grad einer Beleidigung als Angriff auf die moralische Existenz des Beleidigten.

1894 berichtete die Karlsruher Zeitung, "ein von Köster 1890 gestellter Antrag auf zeitweilige Suspendierung der Staatsanwälte Dietz und v. Neubronn habe Anlaß zu einer Anklage gegen Köster gegeben, infolge derer Köster wegen Beamtenbeleidigung zu vier Wochen Haft verurteilt wurde". Der in Misskredit geratene Staatsanwalt habe im Ehestreit offen Partei für Kösters Ehefrau ergriffen, "wovon ihn als früheren Hausfreund der Takt, als ersten Staatsanwalt die Pflicht strengster Neutralität hätte abhalten sollen". Wilhelm Köster meldete sich 1890 nach Heidelberg ab und verstarb am 13. Mai 1902 in Neuenheim.

Neuer Exercierplatz mit Militärschießständen im Käfertaler Wald im Jahr 1898


Der Käfertaler Wald als Duell-Schauplatz

Der Käfertaler Wald, welcher der Garnison für Schießübungen diente, war besonders in den Jahren 1886 und 1887 nachweislich Schauplatz für Duelle in Mannheim. Bereits im Juni 1886 berichtete der Generalanzeiger, dass sich in der Frühe am 2. Juni 1886 einige Infanterieoffiziere bei den Schießständen im Käfertaler Wald zusammengefunden hatten. Das Pistolenduell fand zwischen einem namentlich nicht benannten Hauptmann der Mannheimer Garnison und einem Zivilisten statt. Der Zweikampf wurde auf 40 Schritte Distanz und einem Wechsel von zwei Kugeln geführt, wobei jedoch niemand verletzt wurde.

Ein weiteres Pistolenduell fand am 13. Oktober 1887 im Käfertaler Wald statt. Nach Berichten des Generalanzeigers waren die Duellanten der Trambahninspekteur und Reserve-Lieutenant August Maria Hippmann (1856–unbek.) und der Rechtspraktikant Friedrich Wilhelm Straube (1864–1918). Bei diesem Schusswechsel wurde der Lieutenant durch einen Schuss in die linke Brustseite verletzt und in das Diakonissenhaus gebracht. Straube hingegen wurde in Untersuchungshaft genommen und gegen Stellung einer Kaution baldigst wieder entlassen. Am 23. September 1888 wurde Friedrich Wilhelm Straube durch die Große Strafkammer Mannheim wegen Zweikampfes zu vier Monaten Festungshaft verurteilt, wobei ihm zwei Monate auf dem Gnadenwege erlassen wurde.

Im Verzeichnis der Ehrengerichtlichen und Gerichtlichen Fälle des XIV. Armeekorps von 1871 bis 1905 erhält man einen ersten Einblick über verhandelte militärische Fälle vor dem Ehrengericht. Allein die Auswertung dieses Verzeichnisses zeigt, dass 211 Militärpersonen aufgrund ihrer Vergehen vor das Ehrengericht gestellt wurden. Darunter uns nicht unbekannte Namen des Mannheimer Bürgertums: neben Wilhelm Köster, der "Kolonialheld" und Lebemann Theodor Bumiller (1864–1913) oder Wilhelm Engelhorn (1860–1893) aus der Dynastie des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn. Ob weitere Mannheimer an Duellen beteiligt waren, bedarf noch intensiver Forschungen.

Auszug aus dem Beitrag der Mannheimer Geschichtsblätter 38, 2019

 

 

Kategorien
Schlagworte
Neuen Kommentar schreiben

NS-Zeit

Einblick in die Ausstellung "Albert Speer in der Bundesrepublik"

Da unsere Ausstellung "Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit" aufgrund von Corona derzeit geschlossen ist, möchten wir dennoch einen kleinen digitalen Einblick geben.

Ganzer Beitrag

Stadtgeschichte

Gefangen hinter Stacheldraht! Das Gefangenenlager Mannheim im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg gilt nicht nur als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", sondern brachte auch die Kriegsgefangenschaft als Massenphänomen von unbekanntem Ausmaß hervor: Es entstand das erste große Lagersystems des 20. Jahrhunderts.

Ganzer Beitrag

Stadtgeschichte

Die Übergabe Mannheims am 29. März 1945

Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg, in dem über 65 Millionen Menschen in Kampfhandlungen oder als zivile Opfer getötet wurden. In Mannheim endete der Krieg bereits Ende März 1945.

Ganzer Beitrag