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Stadtgeschichte

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"Ein Menschenalter im Dienste des Glaubens": Joseph Bauer (1864-1951)

In der Zeit des "Dritten Reichs" hatten zahlreiche deutsche Städte Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Hermann Göring und andere NS-Größen zu ihren Ehrenbürgern erhoben. Vor diesem Hintergrund sah sich das Stuttgarter Innenministerium im Februar 1946 veranlasst, den Gemeinden größte Zurückhaltung hinsichtlich der Verleihung neuer Ehrenbürgerwürden aufzuerlegen.

Die Stadt Mannheim hatte sich diesbezüglich nichts vorzuwerfen: Als sie 1949 zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aktiv wurde, lagen die letzten Ernennungen dieser Art – von Albert Bassermann und Wilhelm Furtwängler – zwanzig Jahre zurück. Integrität und Verdienste Max Hachenburgs, Joseph Bauers, Sigmund Schotts, Richard Lenels und Friedrich Walters erschienen unbestritten. Beim Festakt bescheinigte der Oberbürgermeister den neuen Ehrenbürgern, dass sie "unberührt geblieben seien von dem Verderbnis des Nationalsozialismus".

Prälat Bauer bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde, 1949

Unter den Geehrten begegnet mit Joseph Bauer ein herausragender Vertreter des Mannheimer Katholizismus. Der Sohn einer Bauernfamilie aus Dühren bei Sinsheim hatte nach dem Abitur ein Theologiestudium in Freiburg absolviert und war 1888 zum Priester geweiht worden. Nach kurzen Stationen in Sinsheim und Rastatt kam er 1889 als Kaplan an die Untere Pfarrei – St. Sebastian in F 1 - nach Mannheim und blieb dort, abgesehen von einem Intermezzo als Militärpfarrer in Rastatt, bis an sein Lebensende.

1895 ernannte ihn Großherzog Friedrich I. zum Pfarrer der Oberen Pfarrei, sprich: der Jesuitenkirche. Auch oblag ihm die Seelsorge der örtlichen Garnison. Als 1902 das Stadtkapitel Mannheim als eine Verwaltungs- und Seelsorgeeinheit des Erzbistums Freiburg eingerichtet wurde, übernahm Bauer die Aufgaben des Dekans. 1915 wurde er zum Erzbischöflichen Geistlichen Rat ernannt, später sollten die Würden eines Päpstlichen Hausprälaten (seit 1923) und Ehrendomkapitulars (seit 1938) hinzukommen.

Im lebenslangen Wirken Joseph Bauers spiegeln sich viele Jahrzehnte Mannheimer Kirchen-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wider. Eine gemischtkonfessionelle Industrie- und Hafenstadt mit einem beträchtlichen ökonomischen, topographischen und demographischen Wachstum: Diese Rahmenbedingungen und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen bargen auch für die katholische Kirche neue Herausforderungen und Chancen.

Sie reagierte nicht nur mit der Neueinrichtung des Stadtdekanats, sondern auch mit dem Bau von Kirchen und der Gründung karitativ-sozialer Anstalten. Von den unter Bauers Ägide errichteten Gotteshäusern und Einrichtungen seien beispielhaft genannt die Heilig-Geist-Kirche in der Schwetzingerstadt, die Herz-Jesu-Kirche in der westlichen Neckarstadt, der 1900 eröffnete Bernhardushof in K 1, 5, unter dessen Dach das katholische Vereinswesen der Quadratestadt seinen Platz fand, die Heime St. Klara und St. Maria für ledige Frauen oder das Waisenhaus St. Anton. Auch die 1929 im ehemaligen Domizil der Unternehmerfamilie Lanz in A 2, 6-7 eröffnete St. Hedwig-Klinik verdankte sich der Initiative Joseph Bauers und des von ihm ins Leben gerufenen "Gemeinnützigen Vereins".

Hewigsklinik, 1981

Das besondere Augenmerk des Schifferprälaten an der Jesuitenkirche galt den Schifferfamilien. Jahrzehntelang fungierte er als Generalpräses des St. Nikolaus-Schiffervereins. Über die Seelsorge auf Rhein, Main und Neckar hinaus nahm er sich der Kinder dieser Familien vor Ort an: Das Luisen-Stephanienhaus stand der weiblichen Jugend, namentlich Mädchen aus katholischen Schifferfamilien, das Pensionat St. Josef den Schifferknaben und Schülern offen.

Auch im Kirchenleben seiner Gemeinde und seiner Stadt setzte Joseph Bauer Akzente. Er führte die Fronleichnamsprozession wieder ein, das Wallfahrtwesen erfreute sich ebenfalls seiner Förderung. Ein besonderes Ereignis seiner Priesterlaufbahn bildete der Deutsche Katholikentag, der 1902 in den Räumen des neu erbauten Rosengartens stattfand. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah man Bauer an der Seite "seiner" Soldaten an der Front.

Joseph Bauer, o.D.

Im März 1932 zeigte Bauer im Vorfeld der Reichspräsidentenwahl Flagge gegen den Nationalsozialismus, indem er zusammen mit Max Hachenburg, Richard Lenel und anderen den Wahlaufruf des überparteilichen Hindenburgausschusses unterzeichnete. Auch nach der NS-"Machtergreifung" stand er an der Spitze demonstrativer Glaubenskundgebungen wie etwa der Kreuzprozession in der Nacht zum 1. April 1933, an der circa 6.000 Menschen teilnahmen. Demütigungen und Repressalien von nationalsozialistischer Seite blieben ihm zwangsläufig nicht erspart. Im Zweiten Weltkrieg schließlich musste Joseph Bauer die Zerstörung vieler seiner Gründungen und Kirchen, allen voran der Jesuitenkirche, erleben.

"Ein Menschenalter im Dienste des Glaubens", so hat die "Neue Mannheimer Zeitung" bereits 1935 das Lebenswerk des für seine Herzensgüte, Menschenfreundlichkeit und Volkstümlichkeit gerühmten Prälaten beschrieben. 1949 fand dieses Lebenswerk Würdigung durch Stadt und katholische Kirche: Der 84-Jährige wurde nicht nur zum Ehrenbürger Mannheims, sondern darüber hinaus von Papst Pius XII. zum Apostolischen Protonotar ernannt. Am 6. Juni 1951 starb Joseph Bauer in "seiner" St. Hedwig-Klinik.

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